Geheimtreffen gegen die Demokratie und Deutschland

Geheimtreffen gegen die Demokratie und Deutschland

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Es gibt Recherchen, die man nicht einfach abhaken kann – man muss sie ernst nehmen, weil sie zeigen, wie weit sich Teile unserer Demokratie bereits von ihren eigenen Grundwerten entfernt haben. Genau das ist mit der Enthüllung von CORRECTIV im Januar 2024 passiert. Was dort ans Licht kam, ist kein Randphänomen und keine bloße „Verschwörungstheorie von links“ – es ist dokumentiert, mit Kamera, mit Zeugen, mit Einladungsbriefen. Und es sollte jeden Demokraten in diesem Land wachrütteln.

Wer hat recherchiert?

Aufgedeckt wurde das Treffen vom gemeinnützigen Recherchezentrum CORRECTIV. Ein Reporter checkte unter falschem Namen im Tagungshotel ein und beobachtete das Geschehen verdeckt aus nächster Nähe. Zusätzlich lagen der Redaktion Kopien von Einladungsbriefen vor, Fotos und Dokumente von Greenpeace-Rechercheuren wurden ausgewertet, und mehrere AfD-Mitglieder sowie weitere Quellen bestätigten den Ablauf. So konnte die Zusammenkunft im Nachhinein detailliert rekonstruiert werden. Veröffentlicht wurde der Text am 10. Januar 2024 unter dem Titel „Geheimplan gegen Deutschland„.

Wo wurde sich getroffen?

Der Ort war bewusst unauffällig gewählt: das Landhaus Adlon (heute Aurea), eine Villa am Lehnitzsee nahe Potsdam. Ein Detail, das einem kalt den Rücken runterlaufen lässt – nur wenige Kilometer entfernt steht das Haus der Wannseekonferenz, wo 1942 die Deportation und Vernichtung der europäischen Juden organisiert wurde. Ob Zufall oder nicht: Die historische Nähe wirft einen langen Schatten über das, was in diesem Landhotel besprochen wurde.

Villa Adlon Von Norhei - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=25684413

Wer waren die Teilnehmer?

Gruppe

Personen (Auswahl)

Rolle

AfD

Roland Hartwig

Persönlicher Referent von Alice Weidel, laut Insidern „inoffizieller Generalsekretär“

AfD

Gerrit Huy

Bundestagsabgeordnete

AfD

Ulrich Siegmund

Fraktionsvorsitzender Sachsen-Anhalt

AfD

Tim Krause

Stellv. Kreisvorsitzender Potsdam

Neue Rechte / Neonazis

Martin Sellner

Rechtsextremer Vordenker aus Österreich, Vortragender des „Masterplans“

Neue Rechte / Neonazis

Mario Müller

Verurteilter Gewalttäter, wiss. Mitarbeiter eines AfD-Abgeordneten

Organisatoren („Mörig-Clan“)

Gernot Mörig

Ex-Zahnarzt, ehem. Bundesführer eines rechtsextremen Jugendverbands

Organisatoren

Arne Friedrich Mörig

Sohn, plant Agentur für rechte Influencer

Umfeld-Organisationen

Simone Baum, Michaela Schneider

Werteunion NRW

Umfeld-Organisationen

Ulrich Vosgerau

Jurist, ehem. Kuratorium Desiderius-Erasmus-Stiftung

CDU

zwei Mitglieder der Werteunion

Anwesend, namentlich der Werteunion zugeordnet

Sonstige

Silke Schröder

Verein Deutsche Sprache

Geldgeber-Umfeld

genannte Unterstützer (u.a. Namen aus dem Mittelstand)

Als potenzielle Spender aufgeführt, teils dementiert

Worüber wurde gesprochen?

Im Zentrum stand ein sogenannter „Masterplan“, vorgetragen von Martin Sellner: Das Konzept der „Remigration“. Dahinter verbirgt sich nichts Geringeres als der Plan, Millionen Menschen aus Deutschland zu vertreiben – nicht nur Asylbewerber und Menschen mit Bleiberecht, sondern ausdrücklich auch deutsche Staatsbürger, die als „nicht assimiliert“ eingestuft würden. Diskutiert wurde, wie man über „maßgeschneiderte Gesetze“ und dauerhaften Druck genau das erreichen könnte – als „Jahrzehnteprojekt“. Es fielen Ideen wie eine „Musterstadt“ in Nordafrika für bis zu zwei Millionen Menschen.

Daneben ging es um sehr Konkretes:

  • Spendensammlungen (Mindestbeitrag 5.000 Euro),
  • Ulrich Siegmunds Werbung um 1,37 Millionen Euro zusätzlich zur Parteikasse (AfD),
  • den Aufbau einer Influencer-Agentur zur Wählerbeeinflussung sowie juristische Strategien,
  • um Briefwahlen und Wahlergebnisse öffentlich anzuzweifeln.

Was hat das Bekanntwerden von "Remigration" ausgelöst?

Die Wirkung war gewaltig – und das aus gutem Grund. Nach Veröffentlichung gingen in wenigen Tagen über 1,4 Millionen Menschen bundesweit auf die Straße, es waren die größten Demonstrationen gegen Rechtsextremismus in der Geschichte der Bundesrepublik.

Der Front National in Frankreich beendete daraufhin die Zusammenarbeit mit der AfD im Europaparlament.

Mehrere Teilnehmer und die AfD selbst gingen juristisch gegen CORRECTIV vor – das Landgericht Hamburg bestätigte die Berichterstattung jedoch als rechtmäßig und würdigte ausdrücklich, dass CORRECTIV das Konzept korrekt als „Masterplan zur Ausweisung deutscher Staatsbürger“ eingeordnet hatte.

Politisch befeuerte die Recherche die bis heute andauernde Debatte über ein mögliches AfD-Verbotsverfahren nach Artikel 21 Grundgesetz.

Und dennoch: Auf ihrem Parteitag in Riesa 2025 nahm die AfD den Begriff „Remigration“ offiziell in ihr Programm auf – Alice Weidel verteidigte ihn öffentlich in ihrer Rede.

Das ist der eigentliche Skandal, der über das einzelne Treffen hinausweist: Ein Konzept, das in Potsdam noch geheim gehalten werden sollte, wird heute offen ins Parteiprogramm einer im Bundestag vertretenen Partei geschrieben. Wer glaubt, das sei nur Wortklauberei, sollte sich die Definition des Landgerichts Hamburg vor Augen halten: Es geht um staatliche Maßnahmen, die auf die Beendigung des Aufenthalts von Menschen abzielen – unabhängig vom Pass, den sie besitzen. Das ist ein direkter Angriff auf Artikel 3 (Gleichheitsgrundsatz) und Artikel 16 (Schutz vor Ausbürgerung) unseres Grundgesetzes. Wer das relativiert, verteidigt keine „Meinungsfreiheit“, sondern verharmlost einen Plan gegen die Grundrechte von Millionen Menschen in diesem Land.

Quellen