Im Wettlauf um die Vorherrschaft in der Künstlichen Intelligenz (KI) setzen die USA ihre Verbündeten unter Druck und fordern eine klare Positionierung: Entweder für die USA oder die Volksrepublik China. Laut einem internen Entwurf des US-Außenministeriums droht Staaten, die sich sowohl der US-geführten KI-Allianz „Pax Silica“ als auch dem konkurrierenden chinesischen Bündnis anschließen, der Ausschluss aus der US-Initiative.
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Reuters berichte zuerst darüber. Die „Pax Silica“-Erklärung, die von 35 Ländern unterzeichnet wurde, versteht sich nicht als bloße Mitgliedschaft, sondern als verbindliche Verpflichtung – eine parallele Teilnahme an widersprüchlichen Initiativen wie Chinas „World Artificial Intelligence Cooperation Organization“ (gegründet im Juli 2026) sei unvereinbar. Auslöser der US-Initiative ist Kasachstan, das als einziges Land beiden Bündnissen beigetreten ist. Die USA argumentieren, dass ein Land nicht gleichzeitig als vertrauenswürdiger Partner in einem Technologie-Ökosystem gelten könne, während es eine von China geprägte, konkurrierende KI-Vision unterstützt.
Was wie eine simple Erpressung seitens der US-Regierung klingt, hat eine wesentliche größere Dimension, gerade im Hinblick auf digitale Unabhängigkeit, die zahlreiche Länder und auch Unternehmen anstreben. Ziel Washingtons ist es, China durch die Kontrolle über Lieferketten für KI-Modelle, Halbleiter und kritische Mineralien die Ressourcen zu entziehen – eine Strategie, die als entscheidend für militärische und wirtschaftliche Vorherrschaft gilt.
Die KI Entwicklung - China holt deutlich auf
War der Markt bisher durch US Firmen geprägt, OpenAI und Anthropic als Beispiele, konnten Unternehmen in der Volksrepublik China deutlich aufholen. China besitzt 74,2 % aller weltweit angemeldeten Patente im Bereich künstliche Intelligenz. Zudem veröffentlichen chinesische Forscher*innen nahezu doppelt so viele wissenschaftliche Studien wie ihre US-amerikanischen Kolleg*innen.
Auch bei der praktischen Nutzung der Technologie ist das Land führend: Mit über 295.000 installierten Industrierobotern liegt China weit vor den USA, die auf knapp 34.200 kommen. In vielen Fabriken übernehmen Maschinen bereits komplexe Aufgaben, was die Produktivität der heimischen Wirtschaft deutlich erhöht.
Das steht in keinem Verhältnis zu den massiven Investitionen der US-Firmen, die zudem zunehmend unter Kritik stehen, ihre eigenen Systeme nicht zu beherrschen (ich berichtete). Unternehmen in China profitieren zudem von der allgemeinen Praxis der Regierung der Volksrepublik strategische Industrie massiv zu subventionieren. Etwas, was wir ja auch aus der Automobilindustrie kennen.
Dazu kommt der Fakt, dass US Unternehmen auch in den kommenden Jahren noch keine schwarzen Zahlen schreiben werden. Zum einen müssen immer mehr Kapazitäten geschaffen werden, also Rechenzentren und Rechenleistung, und zum anderen muss ja jemand für KI auch einmal bezahlen. Bislang zahlt ja nur ein kleiner Prozentteil für die Nutzung von KI und sie (die Verwendung von KI) ist noch sehr teuer, so dass Firmen, die KI einsetzen wollen und müssen, vorsichtig sind.
KI wie „Sputnik“ - Schock
Die älteren Leser*innen kennen noch den Wettlauf um die Vorherrschaft im Weltall zwischen der Sowjetunion und den USA. Die westliche Welt stand unter Schock, als der erste unbenannte Satellit die Welt umkreiste und dieser Satellit nicht durch die USA entwickelt wurde. So ähnlich kann man auch den derzeitigen Wettlauf zwischen den USA und China verstehen, die Ausgangspositionen sind nur heute viel undeutlicher. Waren die Länder des Westens damals wirtschaftlich deutlich der Sowjetunion voraus und der Eiserner Vorhang konnte einen Technologietransfer zumindest teilweise verhindert, sind die Karten heute anders verteilt.
Die Volksrepublik China, einst ein rein kommunistischer Staat, haben wirtschaftlich die letzten Jahrzehnte deutlich aufgeholt, und sind mittlerweile neben den USA und Russland ein weltpolitischer Faktor. Man denke nur an die Elektromobilität, die „Neue Seidenstraße“, ihr wirtschaftliches Engagement in Ländern des globalen Südens und der massiven Aufrüstung auch mit modernster Technik beim Militär.
So versuchen nun die „Weltmächte“ auch in der KI Bündnisse zu schmieden, „Pax Silica“ an der Seite der USA und „World Artificial Intelligence Cooperation Organization“ auf der Seite Chinas. Da ist es schon logisch, dass die US-Administration unruhig wird und ihre „Verbündeten“ unter Druck setzen möchte. Europa und somit auch Deutschland sind eh‘ vollkommen von der USA abhängig, in allen Belangen der IT, jedoch Länder, die man vielleicht nicht auf dem Zettel hat, sind in einer charmanten Ausgangsposition.
Kasachstan verfügt über Rohstoffe und ist historisch an Russland gebunden. Eine „Emanzipation“ in Richtung USA könnte heikel werden, da orientiert man sich an China und ist so von zwei „Gegnern“ der USA abgesichert. Die USA befinden sich jedoch genau da im Dilemma: Rohstoffe, die sie von Kasachstan benötigen könnten, werden sie sicher nicht bekommen, wenn man sich so aufführt.
Die Dimension dieses Wechselspiels zwischen USA und China wirft die Strategie die USA völlig über Bord. Wie kann es bei den vorhandenen Sanktionen eigentlich sein, dass China alsbald womöglich die Nase vorn hat? Die Frage kann ebenso schwer beantwortet werden, wie die Tatsache, dass in russischen Langstreckenraketen nun US Chips gefunden wurden. Wer also glaubt, mit Zöllen und Sanktionen kann man ein Technologieabfluss nach China verhindern, der irrt. Die Realität sieht anders aus.
Chance für Europa ergreifen
Europa steht derzeit nur am Spielfeldrand. Die Frage nach digitaler Unabhängigkeit sollte stärker in den Fokus rücken. In Teilen bewegen sich die Staaten bereits von der USA weg zu europäischen Lösungen. Von Unabhängigkeit kann jedoch nicht die Rede sein. Noch immer sind zu viele Hardware-Komponenten und Anwendungen aus den USA und China in der EU verbaut bzw. werden verwendet. Europa ist weiterhin „erpressbar“.
Auch die deutsche Politik hat in Teilen verstanden, dass man digitale Unabhängigkeit durch alle Instanzen denken muss und entsprechend fördern muss. Hardware muss wieder in Europa entwickelt und hergestellt werden. Rohstoffe hierfür müssen fair und auf Augenhöhe mit den Ländern des globalen Südens verhandelt werden. Software und KI muss in Europe entwickelt und eingesetzt werden, auf europäischer Hardware in europäischen Rechenzentren. Schnittstellen müssen „abschaltbar“ sein, so dass wir es gar nicht merken.
Das ist ein weiter Weg, der auch viel Geld kostet. In Anbetracht der Lage in der Welt jedoch notwendig, will Europa seine Unabhängigkeit nicht nur auf dem Papier stehen haben.

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