Am 6. September 2026 wählt Sachsen-Anhalt einen neuen Landtag – und zum ersten Mal seit Ende des Zweiten Weltkriegs könnte eine vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextremistisch eingestufte Partei nicht nur stärkste Kraft werden, sondern auch den Ministerpräsidenten stellen.
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Die Alternative für Deutschland (AfD) hat unter Spitzenkandidat Ulrich Siegmund inzwischen konkretisiert, was sie im Falle eines Wahlsiegs umsetzen will: Ein zehn Punkte umfassendes 100-Tage-Programm sowie ein Landtagswahlprogramm, das eng an die bundesweite Programmatik der Partei anknüpft. Eine aktuelle Kurzstudie des DIW Berlin (DIW aktuell Nr. 121, 24. Juli 2026, Autor: Marcel Fratzscher) hat nun erstmals systematisch durchgerechnet, was eine solche Politik wirtschaftlich bedeuten würde – und kommt zu einem bemerkenswerten Ergebnis, das sie das „AfD-Paradox“ nennt: Ausgerechnet die Regionen und Menschen, die am stärksten AfD wählen, würden unter einer AfD-Politik am meisten leiden.
Was die AfD fordert – bundesweit und in Sachsen-Anhalt
Die folgende Tabelle fasst zentrale Forderungen der AfD zusammen – sowohl aus dem Bundestagswahlprogramm 2025 als auch aus dem aktuellen 100-Tage-Sofortprogramm für Sachsen-Anhalt:
Politikfeld | Bundesweite Position der AfD | Konkret für Sachsen-Anhalt (100-Tage-Programm) |
Europa / Euro | Austritt Deutschlands aus der EU („Dexit“) und Rückkehr zu einer nationalen Währung; die EU soll durch eine lose „Wirtschafts- und Interessengemeinschaft“ ersetzt werden | Landespolitische Flankierung eines EU-kritischen Kurses; keine landeseigene Euro-Kompetenz, aber klares Bekenntnis zur Bundespartei-Linie |
Migration / Asyl | Grundlegende Reform bzw. faktische Abschaffung des individuellen Asylrechts, Auslagerung von Asylverfahren in Drittstaaten, „Remigration“ | Mehr Abschiebehaftplätze, flächendeckende Arbeitspflicht für Asylbewerber, Aufbau einer eigenen Abschiebe- und Rückführungsstruktur, Einschränkung des Kirchenasyls |
Öffentliche Investitionen / Sozialstaat | Deutliche Kürzung staatlicher Ausgaben, Rückbau von Förderprogrammen | Kürzung von Mitteln für Demokratieförderung (u. a. „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“), weniger Ministerien, Umschichtung von Landesmitteln |
Bildung / Zivilgesellschaft | Kritik an „Genderideologie“ und staatlich geförderten Demokratieprojekten | Sonderklassen für Kinder von Asylbewerbern, Wachschutz an sogenannten „Problemschulen“ |
Medien | Kritik am öffentlich-rechtlichen Rundfunk, Forderung nach dessen Verkleinerung | Ankündigung, den Rundfunkstaatsvertrag zu kündigen |
Wirtschaft / Steuern | Anhebung des Steuerfreibetrags, Abschaffung von CO₂-Abgaben und Grundsteuer, geschätztes bundesweites Haushaltsminus von rund 97 Mrd. Euro laut ZEW-Analyse der Wahlprogramme | Keine spezifischen Gegenfinanzierungspläne für die o. g. Landesmaßnahmen bekannt |
Was die DIW-Studie zeigt: Demografie statt Wirtschaft erklärt den AfD-Erfolg
Die Studie untersucht zunächst, warum die AfD bei der Bundestagswahl 2025 (bundesweit gut 20 Prozent, in nahezu allen ostdeutschen Kreisen stärkste Kraft) regional so unterschiedlich abschneidet. Acht sozioökonomische Strukturmerkmale eines Kreises – von Einkommen über Bildung bis zur Altersstruktur – erklären laut DIW rund 85 Prozent dieser Unterschiede. Interessant ist dabei, welche Faktoren nicht entscheidend sind: Einkommen und Arbeitslosigkeit spielen nur eine nachgeordnete Rolle, und auch ein hoher Ausländeranteil geht keineswegs mit hohen AfD-Ergebnissen einher – im Gegenteil, in Ostdeutschland ist die AfD gerade dort besonders stark, wo besonders wenige Ausländer*innen leben.
Die mit Abstand wichtigste erklärende Größe ist die Demografie: Regionen, in denen viele Menschen über 60 Jahre alt sind und junge, gut ausgebildete Menschen wegziehen, wählen überdurchschnittlich AfD. Hinzu kommt eine hohe Dichte kleinerer Handwerksbetriebe als Ausdruck wirtschaftlicher Verletzlichkeit. Genau das ist das strukturelle Profil vieler AfD-Hochburgen – und genau dieses Profil macht sie besonders anfällig für wirtschaftliche Schocks.
Korrektur: Bild 3 korrigiert. Es heißt pro Jahr, nicht pro Monat.
Wer würde besonders leiden? Die Modellrechnung für Sachsen-Anhalt
Im zweiten Schritt simuliert die Studie, wie sich zentrale AfD-Forderungen – EU-/Euro-Austritt, Abschottung gegen Zuwanderung, massive Kürzungen öffentlicher Ausgaben – wirtschaftlich auswirken würden. Grundlage sind bewusst vorsichtige Annahmen: Ein Rückgang des Wirtschaftswachstums um rund sechs Prozentpunkte, eine gut fünf Prozentpunkte höhere Inflation und ein Anstieg der Arbeitslosigkeit um zwei Prozentpunkte über fünf Jahre.
Die zentralen Ergebnisse für Sachsen-Anhalt im Vergleich zum Bundesdurchschnitt:
Kennzahl | Sachsen-Anhalt | Deutschland gesamt |
Reales verfügbares Einkommen pro Kopf | −6,2 % (≈ −1.600 € pro Jahr) | −4,0 % (≈ −1.140 € pro Jahr) |
Reale Löhne | ≈ −8 % (≈ −200 €/Monat, Spanne 60–340 €) | ≈ −7 % |
Zusätzliche Arbeitslose | ≈ 10.000 (Spanne 6.000–23.000) | ≈ 983.000 (Spanne 0,5–1,7 Mio.) |
Rückgang ausländischer Zuzüge | 45–65 % | – |
Innerhalb Sachsen-Anhalts trifft es die AfD-Hochburgen am härtesten: In den Kreisen mit den höchsten AfD-Anteilen – Mansfeld-Südharz, Burgenlandkreis und Salzlandkreis – fallen die geschätzten Einkommensverluste mit rund sieben bis acht Prozent noch einmal deutlich höher aus als im Landesdurchschnitt. Der Grund: Diese Kreise sind laut Studie überdurchschnittlich empfindlich gegenüber gesamtdeutschen Wirtschaftsschocks, weil ihre Wirtschaft kleinteiliger strukturiert ist, das Qualifikationsniveau niedriger und die Möglichkeiten, auszuweichen, geringer sind.
Besonders betroffen: die AfD-Wähler*innen selbst
Damit liegt der Kern des von der Studie beschriebenen Paradoxons offen zutage: Es sind gerade die strukturschwachen, älteren, wirtschaftlich verwundbaren Regionen – häufig identisch mit den heutigen AfD-Hochburgen –, die von den wirtschaftlichen Folgen einer AfD-Politik am stärksten getroffen würden. Menschen in diesen Regionen haben zugleich die geringste Mobilität und die schlechtesten Möglichkeiten, sich gegen solche Einbußen zu wehren – anders als etwa gut ausgebildete Beschäftigte großer, international aufgestellter Unternehmen in den Städten.
Die Studie beschreibt dabei auch einen möglichen Teufelskreis: Unzufriedenheit befeuert die Zustimmung zur AfD, eine AfD-Politik verschlechtert wiederum die wirtschaftliche Lage – was neue Unzufriedenheit und potenziell noch mehr Zustimmung zur AfD nach sich ziehen könnte. Zugleich verweist die Studie auf eine hoffnungsvollere Perspektive: Auch AfD-Wähler*innen, gerade im Osten, reagierten in der Vergangenheit auf tatsächliche Verbesserungen ihrer Lebenssituation – die 1990er- und 2000er-Jahre hätten das in den ostdeutschen Ländern gezeigt.
Augen auf bei der Stimmabgabe!
Die AfD tritt in Sachsen-Anhalt mit einem Programm an, das tiefgreifende Einschnitte bei Migration, öffentlichen Investitionen und der europäischen Einbindung Deutschlands vorsieht. Die DIW-Studie legt nahe, dass gerade die Menschen und Regionen, die diese Partei besonders stark unterstützen, von den wirtschaftlichen Folgen einer solchen Politik überdurchschnittlich betroffen wären – durch sinkende Einkommen, sinkende Löhne, steigende Arbeitslosigkeit und einen absehbaren Fachkräftemangel in einer ohnehin alternden Region.
Am 6. September 2026 entscheidet sich, welchen Weg Sachsen-Anhalt einschlägt. Es lohnt sich, die eigene Wahlentscheidung nicht nur an Unzufriedenheit mit dem Status quo, sondern auch an den konkret absehbaren Folgen der zur Wahl stehenden Programme zu orientieren – gerade weil, so das zentrale Ergebnis dieser Studie, eine AfD-Politik denjenigen am meisten schaden dürfte, die sich von ihr am meisten erhoffen.
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Bild 3 und Reel wurde korrigiert.
#noafd Kampagne - Es kann nur schlechter werden!
Quelle:
Marcel Fratzscher, „Sachsen-Anhalt zeigt das AfD-Paradox: Strukturschwache AfD-Hochburgen würden unter ihrer Politik am stärksten leiden“, DIW aktuell Nr. 121, DIW Berlin, 24. Juli 2026

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