Am Samstag, 25. Juli 2026 fand beim Cristopher Street Day (CSD) in Berlin ein unfassbarer Anschlag statt. Am Samstagabend fuhr ein Mann mit einem Transporter in eine Menschenmenge am Rande des CSD im Berliner Tiergarten und griff anschließend mutmaßlich mit einer Hieb-/Stichwaffe (vermutlich Machete) Passanten an. Eine Frau starb, 29 weitere wurden verletzt. Als ich die Nachrichten las, war ich fassungslos und auch sprachlos. Bis heute Abend habe ich mir überlegt, was ich dazu schreibe.
Ich werde mich auch weiterhin nicht verstecken, weder für das wie und mit wem ich lebe und liebe, noch für meine Werte, die tief verwurzelt sind in der Demokratie. Ich werde mir weder vorschreiben lassen, wie ich zu existieren habe, noch werde ich zulassen, dass andere Menschen über mich bestimmen, weder politisch noch unter Gewalt. Und das in einer Zeit, und gerade deswegen um so entschlossener, in der die Welt doch insgesamt aus den Fugen gerät und viele Menschen orientierungslos und voller Angst gar nicht wissen, wohin sie wollen und wohin diese Welt gerade steuert. Da braucht es Halt und vor allem Zuversicht, dass die eigenen Werte im Lot bleiben und man, auch wenn man emotional betroffen ist, sachlich einordnet und politisch Akzente setzt, gegen die üblichen Reflexe und Einverleibung für vermeintliche Maßnahmen, die eigentlich mehr Schaden bringen, als Nutzen.
Fakt ist, Menschen, egal wie sie leben und lieben oder was sie sind, werden ständig bedroht, pauschal und einfach nur, weil es Menschen gibt, die nicht respektieren, dass andere Menschen anders leben und lieben als sie selbst oder einfach nur anders sind. Anders sein ist dabei genau die Beschreibung, die es trifft. Es ist nicht Homophobie, es ist nicht Rassismus, es ist nicht Antisemitismus, es ist nicht Fremdenhass, es ist nicht Frauenfeindlichkeit, das alles ist es doch gar nicht. Es ist anders sein. Und das passt anderen nicht. Im Jahre 2026.
Und das passiert schon seit es Menschen gibt. Und heute ist es präsenter, da die Medien darüber berichten. Es passt heute ins Bild, dass die Legislative und Exekutive den Anschlag für ihre Zwecke kapern. Härtere Strafen und mehr vom gläsernen Bürger gefällig? Die Bundesregierung unter Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) sorgte schon vor Amtsantritt als Oppositionsführer für einen enormen Anschub gegen das Anderssein – Drucksache 20/15035 – 551 Fragen. Nach seinem Regierungsantritt fördert er durch seine Aussagen und „Reformen“ sowie „Gesetzen“ gemeinsam mit seinen Minister*innen, auch von der SPD, jedoch allen voran mit dem Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) die Spaltung der Menschen im Land und damit auch mehr Hass gegen das Anderssein. Und jetzt werden die Anderen unter dem Deckmantel des Schutzes pauschal weiter kriminalisiert und anlasslos beobachtet? Nein, alles was diese Regierung macht, schränkt ein und fördert den Hass gegen das Anders sein. Das will ich nicht, da bin ich von Anfang an dagegen.
Es ist zudem absolut widersprüchlich. Schutz und Finanzierung muss vorher passieren. Die Regierung kürzt permanent Mittel unter dem Deckmantel Spardruck Prävention-Mittel für Vereine gegen Gewalt und Radikalisierung sowie Vereine, die sich für LGBTQ+ Interessen einsetzen. Sie gibt keine Mittel, um den Wettbewerbsnachteil von Unternehmen durch die Finanzierung von Security aufzuheben für Lokalitäten der LGBTQ+ – Community (so gesehen in Berlin). Sie duldet systematische Gewaltbereitschaft gegenüber Anders sein – Menschen bei Demonstrationen gegen Gewalt und Radikalismus durch Teile der Polizei. Und genau diese Menschen möchte sie jetzt schützen… Das ist Heuchelei und letztlich werden damit weiter Bürgerrechte eingeschränkt und dem autokratischem Staat Vorschub geleistet. Die CDU und CSU macht sich zum Steigbügelhalter für die AfD und schafft dabei ganz nebenbei das ab, was einen Rechtsstaat und die Demokratie ausmacht, dann verlieren wir unsere Freiheit, dann ist unser Anders sein in der Tat lebensgefährlich von Staats wegen.
Wir Demokraten und Antifaschisten sollten uns hüten, den Anschlag auf den CSD in Berlin von den Regierenden kapern zu lassen. Der Anschlag auf den CSD in Berlin ist wie jeder Anschlag davor nur Mittel zum Zweck für all jene, die ihre Macht festigen wollen und keineswegs dazu gedacht, zu helfen. Angst ist ihr Geschäft. Spaltung ihr Produkt. Und so wird es kommen, wie es kommen muss. Es sei denn, Anders sein – Menschen stehen zusammen, verstecken sich nicht und hacken sich unter, für Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Gleichberechtigung, um Ängste abzubauen und präventiv gegen Radikalisierung vorzugehen. Gewalt kommt nicht allein von religiösen Fanatikern oder NEO-Braunhemden, Angst vorm Anders sein steckt in jedem. Das ist kein Grund, die Demokratie weiter abzuschaffen.

You must be logged in to reply to this topic.