VW steuert tiefer in die Krise und die Mitarbeitenden müssen es ausbaden

Jahrelang wurden Milliarden an Dividenden gezahlt, dann spart man Personal, um diese hohen Dividenden zahlen zu können und heute steht der Käfer vor dem Abgrund.

Volkswagen hat im dritten Quartal 2026 einen Verlust von rund 5,8 Milliarden Euro gemacht, mehr als fünfmal so viel wie im Vorjahresquartal (1,07 Milliarden). Hauptgrund sind Sondereffekte von zusammen rund 7,8 Milliarden Euro. Den größten Brocken macht die Abschreibung auf den Firmenwert von Porsche mit rund 6,4 Milliarden Euro aus, eine weitere Milliarde entfällt auf das China-Geschäft. Der Umsatz sank um 6,3 Prozent auf 75,3 Milliarden Euro, ausgeliefert wurden nur noch knapp 1,9 Millionen Fahrzeuge statt zuvor 2,2 Millionen. In China brach der Absatz von Januar bis September um rund 30 Prozent ein, im dritten Quartal allein um 38,5 Prozent. Dazu kommen US-Zölle und steigende Komponentenkosten.

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Die Prognose wurde bereits gekappt: Vom Umsatz soll 2026 höchstens noch ein Prozent als operativer Gewinn übrig bleiben, angepeilt waren 4,0 bis 5,5 Prozent. Finanzvorstand Arno Antlitz sagt, man habe „nicht mehr unbegrenzt Zeit“, und fordert, die Sparmaßnahmen „schnell und konsequent“ umzusetzen. Gemeint ist das Sparprogramm über 31 Milliarden Euro mit bis zu 100.000 wegfallenden Stellen weltweit. Ende September hat der Konzern fast alle Haustarifverträge gekündigt, die IG Metall sprach von einem „üblen Foul“. Ende November sollen die Tarifverhandlungen beginnen, die Gewerkschaft sieht die Zeichen auf „Eskalation“. Für die anstehende Tarifrunde sieht VW laut NDR keinen Spielraum für Lohnerhöhungen.

Wichtig für die Einordnung: Im laufenden Geschäft ist der Konzern weiter profitabel. Das operative Ergebnis der ersten neun Monate lag ohne Sondereffekte bei 8,8 Milliarden Euro, unterm Strich blieb ein Plus von 0,1 Milliarden. VW ist also kein Pleitekandidat, sondern ein Konzern, der sich über Jahre verrechnet hat und die Rechnung nun an die Belegschaft weiterreicht.

Die Krise kam mit Ansage

Die Schieflage hat sich über Jahre aufgebaut. Das ist ein Muster und kein Unfall:

  • Zu spät bei der Elektromobilität. Als Tesla und die chinesischen Hersteller längst lieferten, kämpfte VW mit verspäteten Modellen und fehlenden günstigen E-Autos. Selbst heute, so der NDR, liegen die großen Margen weiter bei den großen Verbrennern.
  • Zu viele Marken, zu viele Modelle. Der Konzern hat sich in einem Dickicht aus Marken und Plattformen verheddert. Erst jetzt will VW laut Branchenberichten die Modellpalette um bis bis zur Hälfte kürzen. Dazu kommen in Europa Überkapazitäten von mehr als 500.000 Fahrzeugen pro Jahr, wie Konzernchef Blume selbst einräumt.
  • China verschlafen. Der Standard schrieb im August, die Probleme in China seien seit Jahren absehbar gewesen. Dort kaufen die Kundinnen und Kunden zunehmend E-Autos heimischer Marken, VW schaut zu.
  • Das Software-Desaster. Die Eigenentwicklung bei Cariad hat nach Berichten rund zwölf Milliarden Euro verschlungen, Modelle bei VW, Audi und Porsche verzögerten sich. Am Ende kaufte sich VW für 5,8 Milliarden US-Dollar bei Rivian ein, einem Start-up, das selbst rote Zahlen schreibt. Bei Cariad stehen erneut rund 1.000 Stellen auf der Streichliste.

Sparprogramme sind in Wolfsburg nichts Neues. Schon seit der Dieselaffäre gab es mehrere Runden, zuletzt das Paket von Ende 2024. Darin einigte man sich mit der IG Metall auf den sozialverträglichen Abbau von 35.000 Stellen bis 2030, ausdrücklich ohne Werksschließungen. IG-Metall-Chefin Christiane Benner betonte, die Beschäftigten hätten ihre Beiträge damit längst geleistet. Nicht einmal zwei Jahre später gilt das alles nicht mehr. Statt 50.000 Stellen stehen jetzt bis zu 100.000 im Raum, dazu vier deutsche Werke.

Dividenden zuerst, Zukunft später

Während der Kurs falsch gesetzt wurde, floss das Geld an die Aktionäre. Zwischen 2021 und 2023 schüttete VW rund 22 Milliarden Euro aus, allein 4,5 Milliarden für das Geschäftsjahr 2023. Für 2024 kritisierten die Kritischen Aktionärinnen und Aktionäre, dass über drei Milliarden Euro und damit fast der gesamte Bilanzgewinn ausgeschüttet werden sollten, statt in Zukunftsprojekte zu fließen. Der Standard bilanzierte im August unter dem Titel „28 Milliarden Euro Dividende bei VW“ die Frage, ob das Management das Geld nicht lieber hätte investieren sollen.

Die größten Nutznießer sind bekannt: Die Familien Porsche und Piëch halten über die Porsche SE rund 32 Prozent, Katar gut 10 Prozent, und auch das Land Niedersachsen (11,9 Prozent) kassiert mit. Dass dieselben Eigentümer über den Aufsichtsrat die Richtung vorgeben, gehört zur ganzen Wahrheit.

Dieses Geld fehlt heute bei der Entwicklung bezahlbarer E-Autos, bei der Software und bei den Werken. Und die Marke, die 2022 mit großem Aufwand an die Börse gebracht wurde, schreibt VW jetzt um 6,4 Milliarden Euro ab.

Die Zeche zahlen die Beschäftigten

Nach internen Konzeptpapieren, über die der Spiegel berichtet hat, könnte die Fahrzeugproduktion in Emden und Zwickau 2031 enden, in Hannover 2032 und bei Audi in Neckarsulm 2034. Entschieden ist das nach Angaben von Konzernchef Blume noch nicht. Werksschließungen seien „die teuerste und letzte Lösung“. Das klingt beruhigend, ändert aber nichts daran, dass er für diese Standorte keine wettbewerbsfähige Auslastung in den 2030ern sieht. Zwickau war mit hohem Aufwand zum reinen E-Auto-Werk umgebaut worden, Emden hat seit 2020 mehr als eine Milliarde Euro Investitionen bekommen. Die Nachfolge eines in Zwickau gebauten Modells soll nach Bratislava gehen. Wer so plant, verlagert Arbeit in günstigere Länder und lässt die Menschen, die den Umbau mitgetragen haben, dafür bezahlen.

Besonders bitter ist der Blick in die USA. Audi will in Georgia sein erstes US-Werk mit rund 4.500 Arbeitsplätzen bauen und verkündete das ausgerechnet auf einer Wahlkampfbühne von Donald Trump. Gleichzeitig ist das Werk Neckarsulm mit seinen rund 15.000 Beschäftigten schon heute deutlich unter Kapazität ausgelastet. Es hat nur ein Jahr Zeit, ein tragfähiges Kostenkonzept vorzulegen, sonst droht die Stilllegung. Experten warnen vor dem Verlust von bis zu 50.000 Arbeitsplätzen in der Region. Ein neues Werk in einem Konzern mit riesigen Überkapazitäten ist kein Beitrag zur Zukunftsfähigkeit, sondern ein Zollkalkül, das die Beschäftigten hierzulande ausbaden. 

Und das Management? Blume kündigte an, ein Viertel der Management-Jobs zu streichen, ohne Details zu nennen. Der Vorstand, der jahrelang falsche oder gar keine Entscheidungen getroffen hat, wird für die Folgen nicht in Haftung genommen. Die Aktionäre haben ihre Milliarden längst eingesteckt. Zahlen sollen Menschen, die am Band stehen, in der Entwicklung arbeiten und in Lohnrunden verzichtet haben.

Wenn bei VW etwas „nicht mehr unbegrenzt Zeit“ hat, dann ist es die Geduld der Belegschaft.

Quellen

  • tagesschau.de: „VW verbucht milliardenschwere Verluste“, 29.10.2026
  • NDR: „Milliardenverlust im dritten Quartal – VW verfünfacht Minus“, 29.10.2026
  • taz: „VW schreibt Porsche ab“, 29.10.2026
  • Der Standard: „28 Milliarden Euro Dividende bei VW: Hätte das Management das Geld lieber investieren sollen?“, 26.08.2026
  • ZDFheute: „Volkswagen: Milliarden-Dividenden trotz Konzernkrise“
  • Dachverband der Kritischen Aktionärinnen und Aktionäre: Gegenanträge zur VW-Hauptversammlung 2025
  • Stuttgarter Zeitung: „Werksschließungen bei Volkswagen: Wann die VW-Werke zumachen sollen“
  • Pforzheimer Zeitung/dpa: „Ringen um VW-Sparpläne: Die Proteste laufen“, 09.07.2026
  • web.de: „Vier VW-Werke auf der Kippe – Konzernchef warnt vor ernster Lage“, 24.08.2026
  • just-auto: „VW phased shutdown four German factories“, 02.09.2026
  • Soester Anzeiger: „VW plant Abbau von 100.000 Stellen“, 29.06.2026
  • kreisbote.de: „VW-Sparkurs – Gewerkschaft ruft zu Protesttag auf“
  • Auto Express: „VW comes out fighting: existential crisis results“, 11.03.2025
  • dpa-AFX/WNOZ: „IG Metall fordert von Audi Perspektiven für Neckarsulm“
  • web.de/SWR: „Deutsches Audi-Werk fürchtet um seine Zukunft“
  • dpa-AFX/Börse Online: „Mehrheit findet Auftritt von Audi-Chef mit Trump falsch“
  • Industriemagazin: „Volkswagen und Rivian: Wolfsburgs 5,8-Milliarden-Wette auf bessere Software“
  • finanzen.net: „Softwaretochter Cariad soll rund 1.000 Stellen streichen“
  • Stuttgarter Zeitung: „Verschenkt Porsche wirklich Milliarden an die Aktionäre?“
By Marco Kulczyk
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