Hört ihnen zu, bevor aus Ohnmacht Wut wird

Ein Kommentar zu den Reaktionen vor und nach den Demonstrationen vom 31. Oktober 2026 der Politiker*innen.

Vielleicht sollten wir weniger darüber reden, wie laut diese Generation protestiert, und endlich darüber, warum sie glaubt, laut werden zu müssen.

Am 31. Oktober 2026 gingen in mehr als 30 deutschen Städten junge Menschen auf die Straße. Ihre Forderungen wirken erstaunlich bodenständig: Bessere Schulen, Investitionen in Bildung und Gesundheit, bezahlbares Wohnen und Leben, Klimaschutz, mehr politische Mitsprache und Widerstand gegen eine Wehrpflicht. Die Initiative selbst hatte Gewalt ausdrücklich abgelehnt.  

Und vor allem zieht sich ein Satz durch diesen Protest:

Wir fühlen uns nicht gehört.

Eine 17-jährige Demonstrantin beschrieb gegenüber der Tagesschau überfüllte Klassenräume, Lehrermangel, marode Schulgebäude und das Gefühl, dass die Politik auf all das nicht reagiere. Ein Vertreter von „Gen Z regelt“ formulierte es noch direkter: Man werde das Grundrecht auf Versammlung so lange wahrnehmen, bis die Politik aufhöre, die Jugend zu ignorieren.  

Natürlich darf man diese Bewegung kritisieren. Natürlich muss man über Gewalt reden.

In Frankfurt, Köln und anderen Städten gab es nach oder am Rande der Demonstrationen Ausschreitungen, Angriffe auf Polizeibeamte, Pyrotechnik, Sachbeschädigungen und teilweise Plünderungen. Das ist keine legitime Form demokratischen Protests und gehört strafrechtlich verfolgt. Zugleich berichten die Quellen davon, dass die Proteste vielerorts beziehungsweise zunächst friedlich verliefen.  

Im übrigen ist die aufkommende Gewalt an Halloween nichts, was mit GenZ-regelt entstanden ist, wie ich hier schon klarstellte.

Beides kann gleichzeitig wahr sein. 

Und genau deshalb ist es fatal, wenn aus den Taten einzelner Gruppen politisch ein Urteil über eine ganze Generation konstruiert wird.

Die unbequeme Parallele zu 1968

Nein, 2026 ist nicht 1968. 

Und die Gen Z ist nicht die Studentenbewegung der sechziger Jahre.

Aber bestimmte Mechanismen verdienen einen zweiten Blick.

Auch die westdeutsche Studentenbewegung entstand aus dem Gefühl einer jüngeren Generation, dass die etablierten Institutionen wesentliche gesellschaftliche Fragen nicht ausreichend beantworteten. Damals ging es unter anderem um Hochschulstrukturen, den Vietnamkrieg, die Notstandsgesetze, autoritäre gesellschaftliche Strukturen und vor allem um die mangelhafte Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit.

Die Bundesrepublik befand sich in einer Vertrauenskrise.

Und auch damals reagierten Teile von Staat, Politik und Öffentlichkeit nicht nur mit Diskussion, sondern mit Abgrenzung, Misstrauen und teilweise Härte.

Der Tod Benno Ohnesorgs am 2. Juni 1967 wurde zu einer Zäsur. Das Attentat auf Rudi Dutschke am 11. April 1968 verschärfte die Situation weiter. Die Auseinandersetzungen wurden härter und innerhalb der Bewegung begann eine immer grundsätzlichere Debatte darüber, ob Gewalt ein legitimes politisches Mittel sein könne.

Dann kam die Radikalisierung eines winzigen Teils dieser Generation.

Und daraus entstand unter anderem die RAF.

Aber hier müssen wir historisch sauber bleiben.

Die RAF war nicht das zwangsläufige Ergebnis der Studentenbewegung und schon gar nicht die Fortsetzung „der 68er“.

Die weit überwiegende Mehrheit ging niemals diesen Weg. Der Zusammenhang zwischen Studentenbewegung und RAF wird in der historischen Forschung ausdrücklich als komplex und umstritten beschrieben. Gleichwohl bezeichnete die RAF die Studentenbewegung später als Teil ihrer eigenen „Vorgeschichte“.

Gerade deshalb ist die Geschichte relevant.

Nicht als Gleichsetzung.

Sondern als Warnung.

Radikalisierung beginnt häufig mit dem Gefühl politischer Bedeutungslosigkeit

Demokratische Gesellschaften sollten sich eine einfache Frage stellen:

Was passiert mit jungen Menschen, wenn sie über Jahre den Eindruck gewinnen, dass ihre Zukunft verhandelt wird, ohne dass ihnen jemand zuhört?

Nicht jeder wird radikal.

Fast niemand wird Terrorist.

Die Geschichte der RAF darf deshalb niemals als simple Gleichung erzählt werden:

Protest + staatliche Härte = Terrorismus.

So war es nicht.

Aber Radikalisierung braucht einen Nährboden. Politische Perspektivlosigkeit, Freund-Feind-Denken und eine zunehmende Abkehr vom demokratischen System können dazu gehören. Die Bundeszentrale für politische Bildung beschreibt bei der Entstehung der RAF unter anderem eine terroristische Ideologie, die eine totale Freund-Feind-Deutung der Welt entwickelte und Gewalt schließlich als Antwort auf politische Perspektivlosigkeit legitimierte.

Genau deshalb muss demokratische Politik früher ansetzen.

Nicht erst beim Wasserwerfer.

Nicht erst beim Strafverfahren.

Nicht erst beim Verfassungsschutz.

Sondern beim Zuhören.

Und dann kommt Alexander Dobrindt

Besonders problematisch war deshalb die politische Debatte bereits vor dem 31. Oktober.

Bundesinnenminister Alexander Dobrindt warnte schon am 21. Oktober vor einem möglichen „Kapern“ der Gen-Z-Proteste durch linksextreme Kräfte und verwies auf eine extremistische Szene in Deutschland sowie mögliche ausländische Extremisten. Allerdings unterschied er ausdrücklich zwischen Schülerdemonstrationen und gewaltbereiten Extremisten.

Diese Differenzierung darf man ihm nicht unterschlagen.

Trotzdem hatte die politische Debatte damit schon vor der ersten Demonstration einen bemerkenswerten Schwerpunkt bekommen:

Nicht:

Warum gehen diese Jugendlichen auf die Straße?

Sondern:

Wer könnte diese Demonstrationen unterwandern?

Nicht die kaputten Schulen standen plötzlich im Vordergrund.

Nicht die Mieten.

Nicht Zukunftsängste.

Nicht Klimaschutz.

Nicht die Frage, warum eine Generation glaubt, Entscheidungen von heute jahrzehntelang bezahlen zu müssen, ohne ausreichenden Einfluss darauf zu haben.

Stattdessen dominierte die Sicherheitsdebatte.

Der Grünen-Politiker Felix Banaszak warnte denn auch davor, die Proteste rhetorisch bereits vorab zu kriminalisieren und die Beteiligten in die Nähe „marodierender Banden“ zu rücken. Eine solche Rhetorik könne Radikalisierung am Ende sogar begünstigen.

Nach den Ausschreitungen verschärfte sich der Ton. Alexander Dobrindt machte „gewaltbereite linke Gruppen und Chaoten aus dem migrantischen Milieu“ für Randale und Plünderungen verantwortlich.

Verteidigungsminister Boris Pistorius widersprach einer vorschnellen Zuschreibung und warnte davor, Herkunft beziehungsweise ein „migrantisches Milieu“ ohne ausreichend geklärte Erkenntnisse als Erklärung heranzuziehen.

Straftäter müssen verfolgt werden.

Aber Straftäter sind Straftäter.

Sie sind nicht „die Gen Z“.

Die politische Schieflage

Und hier wird die Debatte besonders bemerkenswert.

Denn während Teile der politischen Diskussion sehr schnell auf eine mögliche linksextremistische Radikalisierung junger Demonstranten blickten, dokumentiert ausgerechnet der von Alexander Dobrindt vorgestellte Verfassungsschutzbericht 2025 eine andere Dimension der Herausforderung.

Das rechtsextremistische Personenpotenzial stieg nach Angaben des Bundesamts für Verfassungsschutz von 50.250 Personen im Jahr 2024 auf 58.700 im Jahr 2025. Rund 15.600 davon galten als gewaltorientiert. Gleichzeitig stieg die Zahl rechtsextremistischer Gewalttaten von 1.281 auf 1.395.

Und noch bemerkenswerter:

Alexander Dobrindt selbst bezeichnete im Zusammenhang mit dem Verfassungsschutzbericht den Rechtsextremismus als größte Bedrohung für die freiheitliche demokratische Grundordnung.

Deshalb würde ich nicht davon sprechen, dass Alexander Dobrindt den Rechtsextremismus oder einen „aufkeimenden Neo-Nationalsozialismus“ schlicht ignoriert. Das wäre mit diesen Fakten nicht vereinbar.

Der politisch stärkere Vorwurf ist ein anderer:

Warum entsteht bei friedlichen Jugendprotesten so schnell eine Debatte über Linksextremismus und Sicherheitsgefahren, während gleichzeitig eine rechtsextreme Szene wächst, die der Bundesinnenminister selbst als größte Gefahr für unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung bezeichnet?

Diese Frage ist sehr viel unangenehmer.

Und sie lässt sich nicht mit einem Wasserwerfer beantworten.

Vielleicht sollten wir endlich aus 1968 etwas anderes lernen

Die wichtigste Lehre der 68er besteht nicht darin, dass Protest gefährlich ist.

Die Lehre lautet vielmehr:

Eine Demokratie muss gesellschaftlichen Protest aushalten, ernst nehmen und politisch bearbeiten.

Die Studentenbewegung hat die Bundesrepublik schließlich nicht zerstört. Im Gegenteil. Vieles, was Ende der sechziger Jahre noch als Provokation empfunden wurde, führte langfristig zu Debatten über Demokratisierung, Autoritäten, Hochschulen, gesellschaftliche Mitbestimmung und die nationalsozialistische Vergangenheit. Die Bewegung veränderte die politische Kultur Deutschlands nachhaltig.

Eine kleine Minderheit wählte dagegen einen anderen Weg.

Sie erklärte die demokratische Gesellschaft zum Feind und Gewalt zum politischen Instrument.

Daraus entstand Terror.

Das zu erwähnen bedeutet nicht, die Gen Z von heute in die Nähe der RAF zu rücken.

Ganz im Gegenteil.

Es bedeutet, Demokratie ernst zu nehmen.

Wer verhindern möchte, dass junge Menschen irgendwann glauben, demokratische Beteiligung sei bedeutungslos, darf ihnen nicht permanent vermitteln, dass man ihnen erst zuhört, wenn sie stören.

Eine demokratische Gesellschaft muss Gewalt konsequent zurückweisen.

Aber sie muss genauso konsequent unterscheiden zwischen Gewalttätern und Demonstrierenden, zwischen Extremismus und Protest, zwischen Straftat und politischem Widerspruch.

Hört ihnen endlich zu

Vielleicht liegt darin die eigentliche Parallele zwischen 1968 und 2026.

Nicht in Pflastersteinen.

Nicht in Barrikaden.

Nicht in der RAF.

Sondern in einer jungen Generation, die der älteren sagt:

„Ihr entscheidet über eine Zukunft, in der vor allem wir leben müssen.“

Man muss ihre politischen Antworten nicht teilen.

Man darf ihre Forderungen kritisieren.

Man darf gegen ihre Vorschläge argumentieren.

Und selbstverständlich muss man diejenigen verfolgen, die Polizisten angreifen, Geschäfte plündern oder Menschen verletzen.

Aber eines sollte eine selbstbewusste Demokratie niemals tun:

Eine Generation unter Extremismusverdacht stellen, nur weil sie unbequem wird.

Denn aus der Geschichte der Bundesrepublik lässt sich vielleicht eine einfachere und friedlichere Lehre ziehen als all die historischen Schreckensbilder:

Jugendlicher Protest ist zunächst kein Sicherheitsproblem. Er ist ein politisches Signal.

Und Politik hat die Wahl, wie sie darauf reagiert.

Sie kann Jugendliche überwachen, etikettieren und über ihre Radikalisierung spekulieren.

Oder sie kann etwas versuchen, das manchmal wesentlich schwieriger ist:

Zuhören, widersprechen, verhandeln und verändern.

Genau dafür wurde Demokratie erfunden.

By Marco Kulczyk
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