Alice Weidel im Wunderland

Es gibt Interviews, bei denen man am Ende mehr über die befragte Person weiß als über die Antworten, die sie gegeben hat. Das Gespräch, das Dunja Hayali am 4. Juli 2026 im heute journal mit der frisch wiedergewählten AfD-Co-Vorsitzenden Alice Weidel führte, gehört in diese Kategorie. Neun Minuten Sendezeit, ungefähr ein Dutzend Fragen – und am Ende hat man das Gefühl, einer Frau zugesehen zu haben, die durch ein Loch in eine Welt gefallen ist, in der die Fragen der Journalistin grundsätzlich falsch gestellt sind, die eigene Partei grundsätzlich missverstanden wird und die eigenen Umfragewerte grundsätzlich höher liegen, als es die Zahlen hergeben. Wunderland eben: Man spricht miteinander, aber offenbar aus zwei verschiedenen Wirklichkeiten heraus.

Inhaltsverzeichnis

Die Ausweichstrategie: Drei Fragen, keine Antwort

Am auffälligsten ist, wie konsequent Alice Weidel konkreten Fragen ausweicht, indem sie sie durch Erfolgsmeldungen ersetzt. Gleich zu Beginn will Dunja Hayali wissen, warum Co-Vorsitzender Tino Chrupalla fast zehn Prozentpunkte weniger Zustimmung bei der Vorstandswahl bekam als beim letzten Mal – mutmaßlich, weil er parteiinterne Verflechtungen („Vetternwirtschaft-Affäre„) kritisch angesprochen hatte. Die Antwort darauf lautet nicht „aus diesem oder jenem Grund“, sondern: Man habe „einen sehr guten Bundesvorstand gewählt“ und sei „mit dem Ergebnis sehr zufrieden“. Als Dunja Hayali nachhakt, dass die Frage damit nicht beantwortet sei, wiederholt Alice Weidel im Kern denselben Satz noch einmal – nur mit dem Zusatz, man wolle die Partei „über die 30 Prozent“ führen.

Dasselbe Muster wiederholt sich beim Thema Björn Höcke und dem sogenannten Thüringer Weg. Dunja Hayali fragt, ob dieser radikalere Kurs nun auch den Bund prägen werde. Alice Weidel antwortet mit der absoluten Mandatsmehrheit, die man in Sachsen-Anhalt anstrebe, mit 42 Prozent in Thüringen und mit dem Anspruch, „Volkspartei“ zu sein. Die eigentliche Frage – Kurs oder kein Kurswechsel – bleibt unbeantwortet zurück, überdeckt von einer Zahlenkaskade. Wer genau hinhört, bemerkt: Es werden nicht falsche Antworten gegeben. Es werden andere Fragen beantwortet, als die, die gestellt wurden.

Framing als Universal-Einwand

Kein Wort fällt in diesem Interview so oft wie „Framing„. Alice Weidel benutzt es, sobald eine Formulierung ihr nicht passt – etwa als aus einem vorangegangenen Beitrag zitiert wird, die AfD sei „in Teilen rechtsextrem“. Sie „weist dieses Framing aufs Schärfste zurück“ und wirft es Dunja Hayali in der Folge noch mehrfach vor: Bei der Frage nach ihrer parteiinternen Durchsetzungsfähigkeit, bei der Frage nach Stefan Möller und noch einmal ganz am Ende, als sie der Journalistin unterstellt, mit „ihrer Fragestellung“ für die Proteste vor dem Parteitag mitverantwortlich zu sein.

Was dabei bemerkenswert ist: Framing meint in der Kommunikationswissenschaft zunächst einmal etwas Neutrales – wie ein Thema dargestellt und in einen Deutungsrahmen eingeordnet wird, welche Aspekte betont und welche ausgeblendet werden. Es beschreibt also einen Vorgang der Darstellung, nicht per se eine Manipulation. Alice Weidel nutzt den Begriff im Interview jedoch durchgängig als Kampfvokabel: Jede Formulierung, die eine kritische Einordnung der AfD enthält – „in Teilen rechtsextrem“, die Anwesenheit des Identitären-Kopfes Martin Sellner im Thüringer Landtag, der Vorwurf mangelnder Durchsetzungsfähigkeit gegenüber dem Höcke-Lager – wird pauschal als unzulässige Zuschreibung zurückgewiesen, ohne dass Alice Weidel inhaltlich widerlegt, was an der jeweiligen Formulierung falsch sein soll. „Framing“ wird so weniger zum Analysebegriff als zum Schutzschild: Es erlaubt, eine unbequeme Frage als bereits durch ihre Formulierung diskreditiert abzutun, statt sie zu beantworten.

Hoher Konfrontationsgrad

Der Ton des Gesprächs ist entsprechend angespannt. Beide Seiten unterbrechen sich wiederholt; Alice Weidel wirft Dunja Hayali unter anderem vor, ihr keine „vernünftige Frage“ zu stellen, spricht von einer „Unverschämtheit“ und wirft der Journalistin sinngemäß eine Mitverantwortung für die Proteste vor dem Parteitag vor. Dunja Hayali wiederum lässt sich davon sichtlich nicht beeindrucken, weist den ihr unterstellten Opfer-Vorwurf zurück und verweist auf die Einschätzung der Polizei vor Ort, wonach die Proteste größtenteils friedlich verlaufen seien. Bezeichnend ist, dass Alice Weidel an einer Stelle sogar bestreitet, eine Zuschreibung getroffen zu haben („Ich habe Sie nicht als rechtsextrem oder ähnliches bezeichnet“), obwohl die fragliche Formulierung nachweislich nicht von Dunja Hayali stammte, sondern aus dem vorangestellten TV-Beitrag. Am Ende bleibt der Eindruck eines Gesprächs, das weniger dem Informationsaustausch als der gegenseitigen Zurückweisung diente.

Eine eigene Wirklichkeit - wie bei den Wähler*innen

Was dieses Interview so besonders macht, ist weniger die einzelne ausweichende Antwort oder der einzelne Framing-Vorwurf, sondern deren Häufung. Wieder und wieder wird eine unbequeme Tatsachenfrage – Stimmenverlust, Sellner-Treffen, Höcke-Antrag, Neonazi-Vorwurf – mit Erfolgszahlen, Gegenvorwürfen oder dem Framing-Einwand pariert. Am Ende steht eine AfD-Vorsitzende, die sich konsequent in einer Welt bewegt, in der die eigene Partei „konservativ-liberal-freiheitlich“ ist, kurz vor der Regierungsmehrheit steht und ausschließlich Opfer falscher Zuschreibungen wird – während die tatsächlichen Zahlen, Einstufungen und Fakten, wie die Tabelle unten zeigt, oft ein anderes Bild zeichnen.

Faktencheck: Wo Alice Weidel im Interview falsche oder irreführende Angaben machte

Aussage im Interview

Faktenlage

Einordnung

„Wir sind über 30 Prozent“ (bundesweit)

Aktuelle Sonntagsfragen von Infratest dimap, Forsa und Ipsos sahen die AfD Anfang Juli 2026 bundesweit bei 27 Prozent – stärkste Kraft, aber deutlich unter 30 Prozent.

Übertrieben

„In Thüringen stehen wir bei 42 Prozent“

Die aktuellste Insa-Umfrage (Ende Juni 2026) sah die AfD in Thüringen bei einem Rekordwert von 40 Prozent.

Übertrieben

Die Bezeichnung „in Teilen rechtsextrem“ sei ein unzulässiges „Framing“

Fünf Landesverbände der AfD (Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen, Brandenburg, Niedersachsen) sind vom Verfassungsschutz als „gesichert rechtsextremistisch“ eingestuft; die Formulierung ist laut ZDF-Faktencheck juristisch gedeckt.

Irreführend

Der Verfassungsschutz sei „keine unabhängige Behörde, sondern weisungsgebunden an die Innenministerien“

Zutreffend ist, dass das Bundesamt dem Innenministerium untersteht. Seine Einstufungsentscheidungen unterliegen aber der Kontrolle durch das Parlamentarische Kontrollgremium und sind gerichtlich überprüfbar – keine reine politische Willkür, wie die Aussage suggeriert.

Teilweise irreführend

„Eine Institution wie den Verfassungsschutz gibt es in keinem anderen Industrieland, in keiner westlichen Demokratie“

Falsch: Vergleichbare Inlandsnachrichtendienste existieren etwa in Großbritannien (MI5), Frankreich (DGSI) und den USA (FBI). Einzigartig ist eher das deutsche Trennungsgebot zwischen Polizei und Verfassungsschutz, nicht die Existenz eines Inlandsgeheimdienstes an sich.

Falsch

Man bereite sich „auf die vorgezogenen Neuwahlen im nächsten Jahr vor“ (als feststehende Tatsache)

Dafür gibt es keine tragfähige Grundlage: Die nächste reguläre Bundestagswahl findet gemäß Grundgesetz erst zwischen Ende Januar und dem 25. März 2029 statt. Vorgezogene Neuwahlen setzten entweder eine verlorene Vertrauensfrage des Kanzlers oder das Auseinanderbrechen der Regierungskoalition voraus – beides ist nicht eingetreten.

Spekulation als Fakt dargestellt

Quellen: ZDFheute-Faktencheck vom 5. Juli 2026 („Weidel im heute journal: Was stimmt – und was nicht?“), Umfragen von Infratest dimap, Forsa, Ipsos und Insa (Stand: Ende Juni/Anfang Juli 2026), Angaben der Landesämter für Verfassungsschutz sowie des Bundesamts für Verfassungsschutz.

Am Ende des Tages bestätigt das Interview das Lagerdenken: Antifaschisten sehen eben die Kommunikation einer Alice Weidel und können auch faktisch historisch ableiten, dass selbst die NSDAP so gehandelt hatte, auch wenn es eben noch nicht diese technologischen Medien gab. Der Auftritt, diese unterschwellige Aggression war auch bei entsprechenden politischen Köpfen der NSDAP erkennbar.

Wähler*innen der AfD fühlen sich eher bestätigt und ignorieren die Faktenlage. Sie wehren sich gegen Fakten und Beweise und tun sie bestenfalls als Lüge ab (Lügenpresse). Denn sie wollen es nicht besser wissen, sie wollen nicht besser regiert werden.

Das ist traurig und beängstigend zugleich.

By Marco Kulczyk
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    Avatar von Marco KulczykMarco Kulczyk
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