Ulrich Siegmund inszeniert sich als Kaufmann, als Mann der klaren Ansagen, als jemand, der „an morgen denkt“. Im MDR-Interview vom 9. August 2026 mit Susann Reichenbach (MDR AKTUELL) bekam er die Gelegenheit, das zu beweisen. Er bekam Zahlen vorgelegt – zur Arbeitslosigkeit, zur Kriminalität, zur Finanzierbarkeit seines Programms. Das Ergebnis ist aufschlussreich, aber nicht im Sinne Ulrich Siegmunds: Er widerlegt keine einzige der genannten Zahlen. Er erklärt sie für irrelevant.
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Das ist ein Unterschied, der zählt. Man könnte Ulrich Siegmund vorwerfen, er lüge. Genauer und lückenloser belegbar ist etwas anderes: Er verweigert sich dem Zahlenformat als solchem, sobald es ihm nicht nutzt. Das lässt sich Satz für Satz am Interview nachweisen.
Die "gute alte Zeit" – und die Fakten, die dagegensprechen
Ulrich Siegmund eröffnet mit seiner Kernerzählung: Er wolle zurück in „ein altes, sicheres Deutschland„, verortet explizit in den 1990er- und frühen 2000er-Jahren – auf dem Landesparteitag habe er das „ziemlich zeitlich genau eingegrenzt“, hält ihm Susann Reichenbach vor.
Dann kommt die erste Zahl. 1995 lag die Arbeitslosenquote in Sachsen-Anhalt laut Susann Reichenbach bei rund 20 Prozent. Das ist – Genauigkeit ist mir wichtig – leicht zu hoch gegriffen: Die tatsächliche Quote lag 1995 bei 16,5 Prozent (208.149 Arbeitslose, bezogen auf die abhängigen zivilen Erwerbspersonen), ihren historischen Höchststand von 21,7 bis 21,8 Prozent erreichte Sachsen-Anhalt erst zwischen 1998 und 2005. Susann Reichenbachs Zahl beschreibt also eher die Spätphase von Ulrich Siegmunds eigenem „guten“ Zeitraum als das Jahr 1995 selbst – die Größenordnung der Aussage bleibt davon aber unberührt: Die Arbeitslosigkeit war in der von Ulrich Siegmund verklärten Ära etwa doppelt so hoch wie heute (2025: 8,0 Prozent, 88.600 Personen).
Ulrich Siegmunds Antwort auf die direkte Frage, was an dieser Zeit gut gewesen sei: „Nein, überhaupt gar nicht.“ Er bestreitet also nicht die Zahl – er bestreitet, dass sein eigenes Referenzjahrzehnt in der Sache, auf die er sich beruft, irgendetwas Positives zu bieten hatte. Was bleibt, ist ein Gefühl: „der Blick nach vorn“, „Generationen denken“, „positive Perspektive“. Kein einziges dieser Worte ist an einen überprüfbaren Sachverhalt gebunden. Die Nostalgie, die Ulrich Siegmund verkauft, hat mit der Vergangenheit, die er beschwört, nichts zu tun – sie ist ein reines Stimmungskonstrukt, das im Moment der Konfrontation mit den eigenen historischen Bezugsdaten in sich zusammenfällt.
Straftaten: Die Vier-Schritte-Ausweichstrategie
Der Kern des Interviews ist der Schlagabtausch über die Kriminalitätsstatistik – und hier zeigt sich Ulrich Siegmunds Methode in Reinform. Susann Reichenbach fragt schlicht: Wie viele Straftaten gab es 1995 in Sachsen-Anhalt? Die Antwort läuft in einem Muster ab, das sich beliebig wiederholen lässt, sobald eine unbequeme Zahl droht:
- Verweigerung durch Rückfrage. Statt zu antworten, fragt Ulrich Siegmund zurück: „Welche Delikte? Meinen Sie jetzt Messerdelikte? Meinen Sie Betrugsdelikte?“ Er zwingt die Interviewerin, die Frage zu präzisieren, obwohl sie erkennbar nach der Gesamtzahl gefragt hatte.
- Die Zahl für zweitrangig erklären, sobald sie feststeht. Nachdem Susann Reichenbach klarstellt, dass alle erfassten Straftaten gemeint seien, antwortet er: Die Zahlen seien „zweitrangig“.
- Verschiebung auf „Lebensrealität“. Ein Begriff, der explizit gegen Statistik in Stellung gebracht wird – Menschen sei „irgendeine Statistik aus den 90er Jahren völlig egal“, sagt Siegmund wörtlich.
- Ein Einzelfall als Gegenbeweis. Der Hasselbachplatz in Magdeburg wird als angeblich einer der „zehn unsichersten Orte in ganz Deutschland“ gegen eine Landesstatistik in Stellung gebracht – eine Behauptung, für die Ulrich Siegmund im Interview keine Quelle nennt und die sich bei einer Recherche nicht ohne Weiteres verifizieren lässt.
Als Susann Reichenbach schließlich die Zahl nennt – 179.000 Straftaten im Vorjahr gegenüber 319.665 im Jahr 1995, nahezu eine Halbierung –, kommt keine inhaltliche Erwiderung. Stattdessen wechselt Ulrich Siegmund das Thema auf angeblich falsch zugeordnete „rechte Straftaten“ (das Beispiel eines Linken, der ein Hakenkreuz schmiert). Ein Whataboutism, der mit der ursprünglichen Frage nichts mehr zu tun hat, aber den Fernsehzuschauer im Gedächtnis bleiben lassen soll, dass „die Statistik“ grundsätzlich unzuverlässig sei.
Die Zahlen zur Einordnung, aus dem eigenen Datenblatt zusammengetragen (Quelle: Agentur für Arbeit / Landeskriminalstatistik):
Kategorie | 1995 | 2025 |
Arbeitslosenzahl (Jahresdurchschnitt) | 208.149 | 88.600 |
Arbeitslosenquote (abhäng. ziv. Erwerbspersonen) | 16,5 % | 7,5 % |
Straftaten gesamt | 319.665 | 172.776 |
Auch das Innenministerium Sachsen-Anhalt bestätigt den langfristigen Rückgangstrend: Für 2024 wurden 184.183 Straftaten erfasst, ein Minus von 5 Prozent gegenüber dem Vorjahr.
Der Trick mit der Messerkriminalität
Das ist der Punkt, an dem Ulrich Siegmunds Ausweichmanöver am durchsichtigsten wird – und zugleich der methodisch interessanteste. Er lenkt gezielt auf „den Bereich der Messerkriminalität„, weil dort eine strukturelle Besonderheit existiert, die er sich zunutze macht, ohne sie zu benennen: Messerkriminalität wird bundesweit erst seit 2020 als eigener „Phänomenbereich“ in der Polizeilichen Kriminalstatistik separat ausgewiesen. Für das Jahr 1995 – exakt das Jahr, das Ulrich Siegmund als Vergleichsgröße heranzieht – existiert diese Kategorie schlicht nicht. Es gibt keine PKS-Zeitreihe „Messerkriminalität 1995 gegen heute“.
Das bedeutet: Ulrich Siegmunds rhetorischer Zug funktioniert nur deshalb, weil er eine Kategorie wählt, für die es historisch keine Vergleichszahl gibt und geben kann. Er kann mit dieser Behauptung nie widerlegt werden – nicht, weil er recht hätte, sondern weil die Gegenzahl gar nicht existiert. Das ist kein Zufall in der Argumentation, das ist ihre Funktion.
Zur Einordnung, damit die Dimension klar wird: 2025 registrierte das BKA bundesweit rund 29.200 Straftaten im Phänomenbereich Messerangriffe – gegenüber 2024 ein Plus von lediglich 0,8 Prozent, also praktisch stabil und keineswegs Beleg für eine dramatische „Erosion der letzten Jahre„, wie es Ulrich Siegmunds Rhetorik suggeriert. Darunter fallen unterschiedlichste Delikte, von Bedrohungen (ca. 13.700) über Körperverletzungen (9.200) bis zu vollendetem und versuchtem Mord und Totschlag (994) – auch das eine Differenzierung, die im Interview komplett unterbleibt.
Die Kurzformel: Er vergleicht eine Kategorie, die es 1995 nicht gab, mit heute – und erklärt im nächsten Atemzug jede Zahl, die es 1995 gab, für irrelevant. Das ist keine argumentative Schwäche, das ist Methode.
Finanzen: Zahlenjonglage ohne Rechenweg
Auch bei der Frage nach der Finanzierbarkeit seines Programms zeigt sich dasselbe Muster. Das Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) hatte Ulrich Siegmunds Wahlprogramm als „Luftschloss“ bezeichnet, das sich nicht finanzieren lasse. Ulrich Siegmund reagiert nicht mit einer Gegenrechnung, sondern mit einer Delegitimierung der Quelle: Die Ökonomen seien „oftmals mit CDU-geführten Ministerien natürlich sehr eng verbandelt„. Ein Muster, das sich bereits in früheren Analysen dieses Blogs zu Ulrich Siegmund beobachten ließ – Kritiker werden nicht inhaltlich widerlegt, sondern als befangen oder gesteuert dargestellt.
In der Sache bleibt die Rechnung diffus: Er vermengt eine Deckungslücke von 2,2 Milliarden Euro auf Landesebene mit Bundesausgaben für Bürgergeld an Nicht-Deutsche (über 20 Milliarden Euro bundesweit) und Ukraine-Hilfen („jede Minute 20.000 Euro“), ohne dass diese Posten rechnerisch zusammengeführt werden – und ohne zu erklären, wie Bundesmittel, auf die Sachsen-Anhalt keinen direkten Zugriff hat, eine Landeslücke schließen sollen. Auf Landesebene selbst nennt er ein Einsparpotenzial von „300 bis 500 Millionen Euro“ – eine Größenordnung, die die genannte Lücke von 2,2 Milliarden bei Weitem nicht deckt.
Fachkräfte und Remigration: Eine Rechnung, die nicht aufgeht
Die IHK Halle-Dessau rechnet bis 2035 mit rund 200.000 fehlenden Arbeits- und Fachkräften in Sachsen-Anhalt, weil deutlich mehr ältere Beschäftigte in den Ruhestand gehen als junge Menschen nachrücken – ein Befund, den die Kammer auch öffentlich bestätigt. Ulrich Siegmunds Antwort darauf ist das „Remigrationsprogramm„: Ausgewanderte deutsche Fachkräfte sollen zurückgeholt werden. Belegt wird das mit „Hunderten, Tausenden“ angeblicher Rückkehrwilliger – eine Zahl, die im Interview nicht quantifiziert, nicht mit einer Quelle unterlegt und rein anekdotisch begründet wird („Ich habe Anrufe von Handwerkern aus Ungarn“).
Bei der direkten Konfrontation mit der Rechnung des Leibniz-Instituts – dass für den Bevölkerungsstand von 1990 jede Frau in Sachsen-Anhalt fünf Kinder bekommen müsste – bestreitet Ulrich Siegmund nicht die Methodik, sondern erklärt den zugrunde gelegten Zeitraum kurzerhand für „völligen Blödsinn“ – ohne eine eigene Berechnung oder einen alternativen Zeitraum anzubieten.
Der Kaufmann, der keine Zahlen kennt (kennen will)
Ulrich Siegmund selbst bringt sein Selbstbild ins Spiel: „Sie sind doch Kaufmann. Zahlen lügen nicht“, hält ihm Susann Reichenbach vor. Der Kontrast zwischen diesem Selbstbild und dem tatsächlichen Interviewverlauf ist die eigentliche Pointe: In keiner einzigen der vier zentralen Zahlenkonfrontationen – Arbeitslosigkeit, Kriminalität, Landesfinanzen, Fachkräfteentwicklung – widerlegt Ulrich Siegmund die genannte Zahl mit einer eigenen Zahl. Stattdessen wiederholt sich ein Muster: Zahlen werden für „zweitrangig“ erklärt, durch „Lebensrealität“ ersetzt, an Einzelfällen aufgehängt oder ihre Quelle wird als parteiisch delegitimiert.
Das ist keine Frage von Zahlendreher oder punktueller Ungenauigkeit. Es ist eine durchgängige rhetorische Strategie: Sobald ein Zahlenformat eine Aussage widerlegen könnte, wird es als Format selbst infrage gestellt – nicht die konkrete Zahl bestritten. Genau diese Verweigerung macht ihn im Fernsehinterview unangreifbar und zugleich, bei genauem Hinsehen, durchschaubar.
Schlusswort
Mutig, notwendig war das Interview des MDR. Susann Reichenbach gebührt Respekt für diese Leistung und natürlich allen Beteiligten, die ihr geholfen haben. Das Interview deckte abermals auf, wie Ulrich Siegmund wirklich ist. Und man kann gar nicht oft genug, die Maske herunterreißen. Danke. ÖRR ist wichtig!
An dieser Stelle auch meine Anmerkung: Verbesserungen aufzeigen, positive Veränderungen aufzeigen – man muss Menschen Hoffnung geben und eine echte Mitwirkung ermöglichen. Das geht nur ohne die AfD. Und falls es den Abgeordneten des Bundestages immer noch nicht reicht, um ein AfD Verbotsantrag mit der Mehrheit des Bundestages zu beschließen und beim Bundesverfassungsgericht einzureichen, Ulrich Siegmund verklärt nicht nur die Nach-Wendezeit, er ignoriert die Jahre des Terrors in den 1990ern, auch in Sachsen-Anhalt.
Downloads
#noafd - mdr - Interview mit Ulrich Siegmund inkl. Medien
#noafd - Jahre des Terrors
Quellen und weiterführende Informationen
- Mediathek Interview MDR
- Der Faschist im Trojanischen Pferd – Ulrich Siegmund
- Beiträge zur und über die AfD
- Warum die Kraft des Volkes auf die Straße gehört – und nicht in die Wahlurne
- Statistisches Landesamt Sachsen-Anhalt
- Statistik der Bundesagentur für Arbeit
- Ministerium für Inneres und Sport Sachsen-Anhalt
- IHK Halle-Dessau zur Fachkräftesituation in Sachsen-Anhalt

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