Es ist schon bemerkenswert, wie unterschiedlich unsere öffentliche Wahrnehmung funktioniert. Wochenende für Wochenende werden Fußballspiele von teilweise gewaltigen Polizeiaufgeboten begleitet.
Ausschreitungen, Pyrotechnik, Körperverletzungen und Sachbeschädigungen sind seit Jahren bekannt, ohne dass deshalb ernsthaft jemand fordert, den Fußball abzuschaffen. Für die Saison 2024/25 weist die Polizeistatistik allein für die oberen drei Ligen 1.107 Verletzte, 4.700 eingeleitete Strafverfahren und rund 2,6 Millionen Arbeitsstunden der Polizei im Zusammenhang mit Fußballspielen aus.
Inhaltsverzeichnis
Treffen dagegen an Halloween erstmals die Demonstrationen von „Gen Z regelt“ auf einen Tag, an dem es bereits Jahre zuvor Ausschreitungen gegeben hatte, wird schnell über Einschränkungen, Verbote und eine angeblich gefährliche Jugend diskutiert. Die Ereignisse von Halloween 2023 und 2024 zeigen jedoch: Randale an diesem Datum gab es schon, bevor diese neue Protestbewegung überhaupt auf die Straße ging. GenZ demonstriert friedlich für ihre Ziele.
Und während von jungen Menschen Zurückhaltung verlangt wird, werden Künstler und Satiriker, die sich politisch positionieren, mit Anzeigen, Petitionen oder juristischen Verfahren konfrontiert. Kurt Krömer und Hape Kerkeling sind dafür aktuelle Beispiele.
Vielleicht haben wir deshalb weniger ein Problem mit Protest, Satire oder Fußball. Vielleicht haben wir ein Problem damit, nach welchen Maßstäben wir gesellschaftliche Ereignisse wahrnehmen und bewerten.
Wenn am Samstag Fußball ist, gehört die Polizei offenbar dazu
Beginnen wir mit einem gesellschaftlichen Heiligtum: Fußball.
Fußball begeistert Millionen Menschen. Er verbindet Generationen, schafft Gemeinschaft und ist Teil unserer Kultur. Das ist überhaupt nicht das Problem.
Das Problem beginnt dort, wo wir uns an Dinge gewöhnt haben, die wir in anderen gesellschaftlichen Bereichen plötzlich für unerträglich halten.
Wer an einem Wochenende an einem großen Bahnhof unterwegs ist, an dem gleichzeitig ein sogenanntes Risikospiel stattfindet, kennt das Bild: Polizeiketten, Mannschaftswagen, Absperrungen und eine teilweise strikte Trennung der Fangruppen. Das ist längst Normalität geworden.
Und die Zahlen zeigen die Dimension. In der Saison 2024/25 kamen die Polizeibehörden im Zusammenhang mit Fußballspielen auf rund 2,6 Millionen Arbeitsstunden. In den oberen drei Ligen wurden 1.107 Verletzte und 4.700 eingeleitete Strafverfahren registriert. Der Missbrauch von Pyrotechnik nahm sogar um 73 Prozent auf 4.783 Verstöße zu.
Das Bundesverfassungsgericht hat inzwischen sogar bestätigt, dass für Polizeieinsätze bei sogenannten Hochrisikospielen grundsätzlich Gebühren erhoben werden dürfen.
Und trotzdem hört man nach einem gewalttätigen Fußballwochenende nicht:
„Dann müssen wir eben den Fußball verbieten.“
Zum Glück nicht.
Denn wir sind offensichtlich durchaus in der Lage zu differenzieren.
Wir unterscheiden zwischen Millionen friedlicher Fans und einigen hundert Gewalttätern. Wir verstehen, dass ein Hooligan nicht stellvertretend für jeden Menschen mit einem Vereinsschal steht.
Warum gelingt uns diese Differenzierung beim Fußball, aber plötzlich nicht mehr bei Demonstrationen?
Eine Generation demonstriert, andere randalieren und plötzlich sind alle verdächtig
Am 31. Oktober 2026 gingen in zahlreichen deutschen Städten junge Menschen auf die Straße. Sie demonstrierten unter anderem für bessere Bildung, bezahlbares Leben, Klimaschutz und gegen die Wehrpflicht. In Hannover beteiligten sich nach Polizeischätzung in der Spitze rund 5.800 Menschen. Die eigentliche Demonstration wurde dort als weitgehend friedlich beschrieben. GenZ demonstriert friedlich für ihre Ziele.
Natürlich gab es an diesem Tag an einigen Orten auch Gewalt.
Natürlich müssen Angriffe auf Polizisten verfolgt werden.
Natürlich ist Sachbeschädigung keine politische Meinungsäußerung.
Aber genau hier beginnt Differenzierung.
Denn Halloween-Krawalle gab es bereits Jahre zuvor.
2023 kam es unter anderem in Marl, Duisburg-Hochfeld und Hamburg-Harburg zu Ausschreitungen. 2024 wurden in Marl Polizei, Feuerwehr und städtische Beschäftigte mit Böllern und Steinen angegriffen. Brennende Einkaufswagen wurden in Richtung von Einsatzkräften geschoben. GenZ demonstriert friedlich für ihre Ziele.
Das alles geschah ohne „Gen Z regelt“.
Genau deshalb halte ich es für falsch, Krawalle des 31. Oktober 2026 zum Beweis für eine angeblich gewalttätige Jugendbewegung umzudeuten.
Das wäre politische Sippenhaft.
Straftäter sind Straftäter.
Demonstranten sind Demonstranten.
Und wer eine Scheibe einschlägt, ist für diese eingeschlagene Scheibe verantwortlich. Nicht automatisch die 17-Jährige, die hundert Meter weiter mit einem Plakat für bessere Schulen demonstriert.
In meinem Beitrag „Hört ihnen zu, bevor aus Ohnmacht Wut wird“ habe ich genau deshalb dafür plädiert, weniger darüber zu reden, wie laut diese Generation protestiert, und mehr darüber, warum sie glaubt, laut werden zu müssen.
Bei Künstlern wird es noch absurder
Noch problematischer wird unsere öffentliche Wahrnehmung dort, wo Menschen ihre Bekanntheit nutzen, um politisch Haltung zu zeigen.
Kurt Krömer erklärte öffentlich, keine Tickets an AfD-Wähler verkaufen zu wollen, und benutzte dabei bewusst drastische und beleidigende Formulierungen. Die Brandenburger AfD-Fraktion reagierte mit einer Strafanzeige wegen Volksverhetzung und Beleidigung. Ein von rbb befragter Strafrechtsprofessor hielt beide Tatbestände hingegen für nicht erfüllt und verwies zusätzlich darauf, dass selbst eine strafbare Äußerung möglicherweise durch die Kunstfreiheit gerechtfertigt sein könnte.
Man muss Kurt Krömer nicht mögen. Man muss seine Wortwahl nicht gut finden. Man darf seine Aussagen geschmacklos finden.
Aber genau das ist Freiheit.
Freiheit bedeutet nicht, dass nur angenehme, ausgewogene und höflich formulierte Meinungen geschützt werden.
Noch deutlicher wird es bei Hape Kerkeling.
Hape Kerkeling sprach im Thüringer Landtag über die Gefährdung der Demokratie und verwies dabei ganz persönlich auf die Geschichte seiner Familie. Sein Großvater war nach Buchenwald verschleppt worden, nachdem er 1933 Flugblätter gegen die NSDAP verteilt hatte. Kerkeling sagte über seine Motivation: „Ich spüre, dass diese Demokratie in Gefahr ist.“ Anschließend erstattete ein AfD-Politiker Strafanzeige wegen Volksverhetzung.
Da muss eine Demokratie hellhörig werden.
Nicht, weil Künstler über dem Gesetz stehen. Das tun sie selbstverständlich nicht.
Sondern weil eine lebendige Demokratie Menschen braucht, die ihre Reichweite benutzen und sagen:
Bis hierhin und nicht weiter.
Wenn Journalisten plötzlich über ihren Arbeitsplatz nachdenken sollen
Und es geht längst nicht nur um Künstler.
Der Deutsche Journalisten-Verband kritisierte im Oktober 2026 Äußerungen des AfD-Politikers Ulrich Siegmund gegenüber dem ZDF-Reporter Fabian Köster. Ulrich Siegmund hatte dem Journalisten nahegelegt, sich einen neuen Job zu suchen. Der DJV bezeichnete das ausdrücklich als Einschüchterung und warnte davor, kritische Berichterstattung mit der beruflichen Existenz von Journalisten zu verknüpfen.
Genau hier liegt für mich eine rote Linie.
Über Medien kann man streiten.
Über den öffentlich-rechtlichen Rundfunk kann man streiten.
Über Jan Böhmermann, Kurt Krömer oder Hape Kerkeling kann man streiten.
Aber eine demokratische Gesellschaft sollte ausgesprochen empfindlich werden, sobald der Eindruck entsteht:
Wer uns kritisiert, soll berufliche Konsequenzen fürchten.
Denn eine Demokratie benötigt keine bequemen Journalisten und keine angepassten Künstler.
Sie braucht unbequeme Stimmen.
Und dann reden wir über die AfD
An dieser Stelle möchte ich deutlich werden.
Ich halte es für einen politischen Fehler, wenn wir seit Jahren über einzelne Provokationen, Entgleisungen und Tabubrüche diskutieren, aber die größere Entwicklung dahinter wie eine Ansammlung unabhängiger Randnotizen behandeln.
Der brandenburgische Verfassungsschutz begründet in seinem Einstufungsvermerk ausführlich die Bewertung des AfD-Landesverbandes Brandenburg als gesichert extremistische Bestrebung. Dokumentiert werden darin unter anderem extremistische Positionierungen im Zusammenhang mit „Remigration“, Vernetzungen mit dem rechtsextremistischen Vorfeld, Angriffe auf das Demokratieprinzip sowie Anhaltspunkte für Verstöße gegen die Menschenwürde und gegen Demokratie- und Rechtsstaatsprinzipien.
Gleichzeitig betont das Dokument etwas Entscheidendes: Die wehrhafte Demokratie darf sich gegen Gefahren aus ihrem Inneren schützen.
Deshalb bin ich der Meinung:
Die Voraussetzungen für ein AfD-Verbotsverfahren müssen endlich mit aller gebotenen Ernsthaftigkeit geprüft und, wenn die verfassungsrechtlichen Voraussetzungen tragen, dem Bundesverfassungsgericht zur Entscheidung vorgelegt werden.
Das ist ausdrücklich etwas anderes als zu behaupten, die AfD könne politisch einfach „verboten werden“.
Das kann sie nicht.
Ein Parteiverbot könnte ausschließlich das Bundesverfassungsgericht aussprechen. Antragsberechtigt sind Bundesregierung, Bundestag und Bundesrat. Und die Hürden liegen bewusst sehr hoch.
Gerade deshalb wäre ein Verbotsverfahren kein Akt politischer Willkür.
Es wäre ein rechtsstaatliches Verfahren. Es wird Zeit!
Die eigentliche Frage lautet: Warum messen wir mit verschiedenen Maßstäben?
Und damit komme ich zurück zum Ausgangspunkt.
Beim Fußball können wir offenbar unterscheiden zwischen Fans und Hooligans.
Bei Demonstrationen fällt uns diese Differenzierung plötzlich schwer.
Ein Politiker darf Arbeitnehmer öffentlich wegen angeblichen „Blaumachens“ oder zu hoher Fehlzeiten unter Generalverdacht stellen und löst damit eine politische Debatte aus.
Aber wenn Jugendliche auf die Straße gehen, wird schnell gefragt, ob ihre Demonstrationen zum Sicherheitsproblem werden.
Wenn Künstler drastisch formulieren, folgen Anzeigen und Kampagnen.
Wenn Journalisten unangenehme Fragen stellen, hören sie, sie sollten sich vielleicht einen neuen Arbeitsplatz suchen.
Und irgendwo dazwischen verlieren wir etwas, das eine Demokratie dringend benötigt:
Verhältnismäßigkeit.
Demokratie muss auch dann angenehm sein, wenn sie unangenehm wird
Vielleicht ist das unser eigentliches Problem.
Wir wollen Demokratie, solange sie ordentlich aussieht.
Wir wollen Demonstrationen, solange niemand den Verkehr aufhält.
Wir wollen Satire, solange über die anderen gelacht wird.
Wir wollen Journalismus, solange uns die Fragen gefallen.
Wir wollen Jugendliche, die sich politisch engagieren, solange sie ungefähr das fordern, was die Erwachsenen ohnehin beschlossen haben.
Aber Demokratie funktioniert so nicht.
Demokratie ist manchmal laut.
Sie nervt.
Sie provoziert.
Sie hält uns den Spiegel vor.
Und ihre größte Stärke besteht gerade darin, dass niemand bestimmen darf, welche Meinung bequem genug ist, um ausgesprochen zu werden.
Deshalb sollten wir uns eine unangenehme Frage stellen:
Warum sind wir heute immer weniger in der Lage, zwischen Demonstranten und Gewalttätern, zwischen Kritik und Beleidigung, zwischen Satire und Straftat, zwischen politischem Gegner und Verfassungsfeind zu unterscheiden?
Warum gehört Populismus inzwischen fast zum guten Ton?
Warum wird eine komplizierte Wirklichkeit immer häufiger auf Schuldige reduziert?
Die GenZ.
Die Arbeitslosen.
Die Migranten.
Die Linken.
Die Medien.
Die Künstler.
Immer gibt es jemanden, auf den man zeigen kann.
Eine Demokratie stirbt vermutlich nicht daran, dass Kurt Krömer jemanden beleidigt.
Sie stirbt auch nicht daran, dass Jugendliche demonstrieren.
Und ganz sicher nicht daran, dass ein Journalist einem Politiker eine unangenehme Frage stellt.
Gefährlich wird es vielmehr dann, wenn wir eine Demokratie irgendwann nur noch deshalb für störend halten, weil ihre Freiheiten denjenigen unangenehm werden, die gerade Macht besitzen.
Denn Demokratie ist nicht dafür geschaffen worden, bequem zu sein.
Sie wurde geschaffen, damit Macht niemals bequem werden darf.

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