Die Bundesregierung aus CDU, CSU und SPD, gab sich am Mittwoch, den 1. Juli 2026 ein 34-Punkte-Reformpaket. Ich berichtete darüber ja schon. Ein Punkt dabei: Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung ab 1. Tag der Krankmeldung und Abschaffung der telefonischen Krankschreibung. Wie ich bereits beschrieben hatte, ist diese Maßnahme keineswegs unumstritten. Neben den berechtigten Einwänden von den Ärzten und Sozialverbänden fehlt der Forderung scheinbar überhaupt ein belastbarer Punkt. Das merkt man schon daran, wie gerade CDU Politiker den Plan „verteidigen“.
Die CDU ist seit einiger Zeit dafür bekannt, einfach rauszupöbeln, was sich die alten weißen Männer so im Partykeller im Sauerland überlegt haben. Allen voran der Bundeskanzler Friedrich Merz und natürlich der ehemalige Bundesgesundheitsminister und heutige CDU-Fraktionsvorsitzende Jens Spahn, der belegbar in rechten Kreisen mit der AfD kokettiert.
Man sitzt auf der Bettkante und überlegt: Passt das heute?
Jens Spahn – gesagt im ARD-Morgenmagazin.
Geht’s noch? 45,7 Mio. Erwerbstätige sitzen doch nicht jeden Montag und Freitag auf der Bettkante und „überlegen“ sich, wie es ihnen geht. Und jetzt kommts, Spahn sagte weiter: „Jeder kenne doch in seinem wahren Leben, im Bekannten- oder Freundeskreis, in der Nachbarschaft, vielleicht auf der Arbeit, immer wieder auch die Situation, insbesondere montags und freitags, wenn es sogenannte Bettkantenentscheidungen gebe.“
Da stellt sich doch eher die Frage, wie geht Jens Spahn mit seinen Bekannten, Freunden, seinen Nachbarn und Mitarbeitenden und Kolleg*innen auf seiner Arbeit in der CDU und im Bundestag um. Hat er sie da gerade alle hingehängt? Also spätestens mit seiner Glanzleistung mit den Masken zu Corona, er hat sich ja auch hochoffiziell nicht falsch verhalten, seinem Kuschelkurs mit Menschen, die die Demokratie ablehnen und seinen strategischen Anbiederungsversuchen bei der AfD habe ich jeden Respekt vor ihm verloren.
Was machen die da im Partykeller im Sauerland?
Bislang konnte man jede noch so schwachsinnige Idee der Regierung mit Fakten widerlegen. So auch in diesem Fall. Deutschland macht nicht per se „blau“, und wenn, Deutschland ist auch bei dem Thema weder Welt- noch Europameister. Bestenfalls haben sich die alten weißen Männer mal die Statistiken der Krankenkassen angesehen, denn Vergleichswerte zu anderen Ländern gibt es keine belastbaren. Neben Deutschland haben nur Estland, Lettland und Polen eine gesetzliche Pflicht, Krankheitstage zu erfassen. Alles andere ist also nicht belastbar, also reines Bauchgefühl.
Die einzige Erhebung, sie man verwenden kann, ist eine, die von vielen als „Goldstandard“ bezeichnet wird: Die OECD erstellt eine primär harmonisierte Arbeitskräfteerhebungen (Labour Force Surveys, LFS). Dabei werden Beschäftigte direkt nach ihren Abwesenheiten befragt. Die Erhebung umgeht die enormen Unterschiede, wie Krankheitstage von Ministerien und Versicherungen in verschiedenen Ländern erfasst werden. Sie ist also belastbar.
OECD Liste (Europa)
|
Land |
2024 |
2025 |
Veränderung (%) |
|
Österreich |
3,3 |
3,3 |
0,0 % |
|
Belgien |
3,6 |
3,9 |
+8,3 % |
|
Bulgarien |
0,4 |
0,5 |
+25,0 % |
|
Kroatien |
2,4 |
2,8 |
+16,7 % |
|
Tschechien |
3,1 |
3,1 |
0,0 % |
|
Dänemark |
2,1 |
2,1 |
0,0 % |
|
Estland |
2,2 |
2,0 |
−9,1 % |
|
Finnland |
5,0 |
4,8 |
−4,0 % |
|
Frankreich |
4,1 |
4,1 |
0,0 % |
|
Deutschland |
3,6 |
3,5 |
−2,8 % |
|
Griechenland |
0,2 |
0,2 |
0,0 % |
|
Ungarn |
0,8 |
0,8 |
0,0 % |
|
Irland |
1,5 |
1,6 |
+6,7 % |
|
Italien |
0,9 |
0,6 |
−33,3 % |
|
Lettland |
2,2 |
2,6 |
+18,2 % |
|
Litauen |
1,5 |
1,5 |
0,0 % |
|
Luxemburg |
1,6 |
1,5 |
−6,3 % |
|
Niederlande |
2,7 |
2,7 |
0,0 % |
|
Norwegen |
5,9 |
5,7 |
−3,4 % |
|
Polen |
1,7 |
1,8 |
+5,9 % |
|
Portugal |
4,2 |
4,0 |
−4,8 % |
|
Rumänien |
0,1 |
0,1 |
0,0 % |
|
Slowakei |
1,4 |
1,2 |
−14,3 % |
|
Slowenien |
4,7 |
5,1 |
+8,5 % |
|
Spanien |
4,9 |
5,0 |
+2,0 % |
|
Schweden |
3,3 |
3,2 |
−3,0 % |
Deutschland befindet sich also in der Mitte Europas, also für Jens Spahn erklärt, nicht nur geografisch. Und, bitte auch lesen: Die Zahlen sind rückläufig.
Was gelernt, Herr Spahn?
Die angestrebten Änderungen Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung ab 1. Tag der Krankmeldung und Abschaffung der telefonischen Krankschreibung sind nicht erforderlich und es ist zu bezweifeln, dass die Änderungen signifikant eine Auswirkung auf die Statistik haben wird. Eher auf die Wartezimmer und Sekundärerkrankungen, da man sich ja auch bei Ärzten mit anderen Krankheiten anstecken kann, als mit der, mit der man ja gerade zum Arzt gegangen ist.
Und so einer war Bundesgesundheitsminister? Egal, momentan passt es ins Gesamtbild dieser Regierung: Schön auf die Bevölkerung hauen, schlechte Sozialpolitik betreiben und sich dann wundern, warum man Wahlen wirklich verliert und sich sogar die Mitte der Gesellschaft abwendet. Gut gemacht, Herr Spahn! Und grüßen Sie mir Ihre Freunde, möchte nicht wissen, was sie über Sie denken, nachdem Sie sie so hingehängt haben. Aber wer braucht schon Freunde?

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