Als am 17. Juli 2026 die HAZ folgende Überschrift angezeigt hatte „Ein Festplatz für Langenhagen? Drei Ratsherren wollen Fläche an der Wasserwelt entwickeln“ dachte ich erst, ist die Website richtig aktualisiert? Ich meine, ist noch der 1. April? Oder muss man in Langenhagen schon das Sommerloch füllen? Nein, das ist wahr.
Inhaltsverzeichnis
In Langenhagen gibt es aktuell keinen dauerhaft etablierten, zentralen Veranstaltungsplatz, der offiziell als „Festwiese“ bezeichnet wird. Große Volksfeste wie das jährliche Schützenfest Langenhagen werden traditionell auf dem provisorisch hergerichteten Festplatz am City Center Langenhagen (CCL) oder direkt auf dem Marktplatz ausgetragen. Doch das möchten die drei Ratsherren Matthias Gleichmann (SPD), Jan Hülsmann (CDU) und Fraktionsvorsitzender der CDU Langenhagen Domenic Veltrup ändern und wollen eine ungenutzte Fläche an der Wasserwelt als neue Festwiese entwickeln. Der Antrag soll Anfang September erstmals beraten werden. Das Vorhaben sieht vor, eine bisher ungenutzte Brachfläche an der Theodor-Heuss-Straße, direkt an der Wasserwelt Langenhagen, zu einem festen Veranstaltungsort auszubauen. Geplant ist, den Platz künftig für Konzerte, Open-Air-Kino und das Schützenfest zu nutzen, um der Stadt eine dauerhafte Eventfläche zu bieten.
Erste Gedanken
Meine ersten Gedanken, als ich diese Geschichte las, möchte ich gerne mitteilen, danach geht es in die Fakten. Vorsicht, könnte den einen oder anderen schlechten Witz enthalten:
- Ist das ein verspäteter Aprilscherz?
- Wäre eine Frau auf die Idee gekommen?
- Was haben die heißen Tage im Juni 2026 mit diesen Männern gemacht?
- Was wurde beim Unwetter am 13. Juli 2026 weggespült?
- Das kann nur eine Bierlaune sein.
- Ist die Idee am Stammtisch oder im Bierzelt entstanden?
Ich will damit natürlich niemanden verletzen, aber bei solchen Nachrichten gibt es Blitze in meinem Gehirn und ich habe mich wirklich gefragt, leben Matthias Gleichmann (SPD), Jan Hülsmann (CDU) und Domenic Veltrup (CDU) in einer Bubble (Blase)?
Fakten
Hitzewellen
Bereits bis Ende Juni sollen laut Robert Koch-Institut rund 5.100 Menschen an den Folgen der Hitze gestorben sein – eine Zahl, die eigentlich Alarmstufe Rot auslösen müsste. Dass Langenhagen im Hitze-Check 2026 ausgerechnet auf Platz 1 in Niedersachsen landet, ist kein Zufall, sondern das Ergebnis jahrelanger Versäumnisse. Die Deutsche Umwelthilfe hat ihre Listen erst kürzlich veröffentlicht, und selbst der NDR hielt es für berichtenswert. Man fragt sich, warum es dafür externe Institutionen und Medien braucht, statt dass die Stadt selbst längst Alarm geschlagen hätte.
Diese Hitzewellen sind schon lange keine Ausnahmeerscheinung mehr, sondern eine sich verschärfende Realität, die auch Langenhagen zunehmend und mit wachsender Härte treffen wird. Am 15. Juli 2026 lief im NDR ein Filmbericht darüber, was die Stadt angeblich plant und wo die Herausforderungen liegen – doch zwischen Ankündigung und tatsächlichem Handeln klafft offenbar weiterhin eine erhebliche Lücke.
Bezeichnend ist zudem, dass ausgerechnet der Bau der Wasserwelt und des Gymnasiums erheblich zur weiteren Verdichtung beigetragen haben – Entscheidungen, die im Nachhinein wie ein Widerspruch zur eigenen Klimarhetorik wirken. Die Stadt verfügt selbst nur über etwa 20 % eigene Flächen, größtenteils Straßen und Gebäude, hat also kaum Hebel, wenn sie nicht endlich auch politisch unbequeme Entscheidungen trifft. Und den Bürger*innen scheinen ihre Parkplätze wichtiger zu sein als kühle Luft im Sommer – oder, überspitzt, aber angesichts der aktuellen Sterbezahlen leider nicht ganz unberechtigt formuliert: wichtiger als Menschenleben.
Hochwasser
Die Unwettersituation am 13. Juli 2026 ist kein Einzelfall, sondern die logische Folge einer seit Jahrzehnten ignorierten Entwicklung. Schon das Weihnachtshochwasser 2023/2024 in Niedersachsen hatte auch in Langenhagen spürbare Folgen – offenbar ohne dass daraus die nötigen Konsequenzen gezogen wurden. Wer sich mit der Geschichte Langenhagens beschäftigt, weiß, dass der Ort bis nach dem Zweiten Weltkrieg dörflich geprägt war, mit Land- und Forstwirtschaft, und dass gerade die Flächen östlich der Walsroder Straße bis zur Wietze regelmäßig überflutet waren. Das war also nie unbekanntes Terrain, sondern seit jeher bekanntes Risikogebiet. Bürger*innen berichten seit dem geradezu explosionsartigen Wachstum der Stadt seit dem Zweiten Weltkrieg, dass sie selbst in den Kolkwiesen regelmäßig Wasser im Keller hatten – und bis heute sind die Neue Bult und die Silbersee-Siedlung davon betroffen. Dass sich an dieser Grundproblematik über Jahrzehnte kaum etwas geändert hat, wirft ein bezeichnendes Licht auf die städtische Prioritätensetzung.
Auch die von der Region Hannover bereitgestellten Daten und Karten bestätigen unmissverständlich, was längst historisch belegt ist: Langenhagen ist besonders hochwassergefährdet, und Extremwetter ist schon lange kein einmaliges Ereignis mehr, sondern ein wiederkehrendes strukturelles Problem, dem offenbar keine ausreichende Bedeutung beigemessen wird.
Bezeichnenderweise haben ausgerechnet der Bau der Wasserwelt und des Gymnasiums ganz erheblich zur weiteren Verdichtung beigetragen – zwei Großprojekte, die in genau die falsche Richtung wirken. Es fehlt schlicht an dringend benötigter Überflutungsfläche, während weiter versiegelt wird, als gäbe es keine Lehren aus der eigenen Stadtgeschichte zu ziehen.
Haushalt und Prioritäten
Ich hatte in einem anderen Zusammenhang mal den öffentlich zugänglichen Haushaltplan analysiert, da andere Ratsherren ebenfalls ihre Hausaufgaben nicht gemacht haben oder schlichtweg die Haushaltsverhandlungen nicht mitbekommen haben:
Kennzahl | Ist 2024 | Plan 2025 | Plan 2026 |
Ordentliche Aufwendungen | 217,97 Mio € | 231,48 Mio € | 232,90 Mio € |
Gesamtergebnis | +4,83 Mio € | −26,35 Mio € | −15,96 Mio € |
Personalaufwandsquote | 32,0 % | 30,7 % | 31,4 % (≈ 73,1 Mio €) |
Investitionsauszahlungen | 58,99 Mio € | 109,12 Mio € | 142,38 Mio € |
Kreditfinanzierungsquote | 93,1 % | 91,9 % | 89,0 % |
Zinslastquote | 1,5 % | 2,6 % | 3,8 % (→ 8,1 % in 2029) |
Offenbar ist den Ratsherren nach wie vor nicht bewusst – oder sie wollen es nicht wahrhaben –, wo die eigentlichen Prioritäten liegen müssten. Zum einen werden immer mehr Aufgaben vom Bund über die Länder an die Kommunen durchgereicht, was zwangsläufig steigende laufende Kosten bedeutet, auch wenn sich das Gesamtergebnis zwischen 2025 und 2026 kurzfristig verbessern ließ. Diese Momentaufnahme über strukturelle Probleme hinwegzureden, wäre allerdings fahrlässig.
Denn der jahrzehntelange Investitionsstau und die sträfliche Vernachlässigung der Substanzerhaltung an städtischen Gebäuden rächen sich längst: Gebäude mussten in der jüngsten Vergangenheit komplett neu gebaut oder aufwendig und langwierig saniert werden – Kosten, die bei rechtzeitiger Instandhaltung deutlich geringer ausgefallen wären. Statt daraus zu lernen, werden sämtliche Investitionen derzeit über Kredite finanziert, mit der Folge, dass die Zinslastquote bis 2029 auf 8,1 % steigen wird. Man verschuldet sich also munter weiter, während man gleichzeitig Prestigeprojekte plant, statt endlich Substanz zu erhalten. Und dass selbst das nicht ausreicht, zeigt sich unübersehbar an den neuen Containern am Gymnasium – einem Provisorium, das eigentlich als Warnsignal hätte verstanden werden müssen, aber offenbar folgenlos bleibt.
Gesunder Menschenverstand
Schon der gesunde Menschenverstand müsste dem letzten Politiker in dieser Stadt klarmachen, dass ein neuer Festplatz im Grünen nicht nur absurd ist, sondern die eigentliche Problemlage sogar verschärft. Der NDR-Bericht hat unmissverständlich offengelegt, dass die versiegelte Fläche längst überwiegend durch Flughafen, Industrie, Gewerbe und private Wohnbebauung belegt ist – und dass die Stadt kaum ernsthafte Anstalten macht, gegenzusteuern. Stattdessen wird kritiklos hingenommen, dass Parkplätze vor der Haustür den Bürger*innen offenbar wichtiger sind als zusätzliche Begrünung. Verschärft wird das Ganze durch eine erschreckende Konsequenzlosigkeit gegenüber privaten Steingärten: Sie sind verboten, werden aber bestenfalls mit ein paar folgenlosen Gesprächen quittiert, statt konsequent zurückgebaut zu werden. Das ist Symbolpolitik statt Durchsetzung.
Dabei gäbe es längst genug Alternativen. In Langenhagen existieren bereits zwei Flächen, die – man beachte das bitte – gerade einmal an 6 Tagen im Jahr für solche Events genutzt werden, dazu die Brachfläche an der Straßenbahnhaltestelle. Ein weiterer Platz ist schlicht nicht notwendig. Selbst wenn man unbedingt am Platz vor der alten Post festhalten wollte, ließe sich dort mit minimalem Parkplatzverlust zusätzliches Grün schaffen, ohne den Wochenmarkt zu gefährden. Wenn überhaupt, sollte man sich auf das kaum noch genutzte Postgebäude konzentrieren, statt neue Flächen zu opfern.
Neben den bereits im Haushalt verankerten Projekten sollte man, wenn schon versiegelt werden muss, wenigstens konsequent das Reemtsma-Gelände neu denken. Dass dort erst kürzlich erneut ein Gewerbepark ausgeschrieben wurde, ist angesichts der wirtschaftlichen Lage geradezu kurzsichtig: Die Gewerbesteuereinnahmen werden absehbar sinken, während der Bedarf an bezahlbarem Wohnraum steigt. Dort Sozialwohnungen zu bauen, wäre nicht nur sinnvoller, sondern würde langfristig auch die Kosten für Wohngeldzahlungen im überteuerten privaten Wohnungsmarkt senken. Diese Chance einfach verstreichen zu lassen, wäre unverantwortlich.
Die Grünflächen östlich der Walsroder Straße bis zur Rennbahn müssen unbedingt erhalten bleiben – und zwar nicht nur auf dem Papier. Nötig wären hier endlich gezielte Maßnahmen, etwa robuste Anpflanzungen, die sowohl kurzzeitige Überflutung als auch längere Trockenphasen aushalten. Mehr Bäume könnten das Stadtklima wenigstens leicht verbessern, solange man sich an die privaten Flächen offenbar nicht herantraut. Doch genau das wird sich die Stadt auf Dauer nicht leisten können: Wer angesichts von Hitzeperioden und Starkregenereignissen weiterhin nur zuschaut statt zu handeln – notfalls mit klaren Verordnungen –, handelt fahrlässig gegenüber der eigenen Bevölkerung!
Der Stadtrat wäre also gut beraten, den Tagesordnungspunkt „Neuer Festplatz“ schnellstens zu streichen, bevor er sich in dieser Frage vollends unglaubwürdig macht.

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